Rückblick auf den Journalisten-Workshop am 04. Mai 2018
Mythen & Fakten in der Ernährung – Lebensmittelverschwendung

Abgeschnittene Reste von frischem Gemüse

©wernerimages/Fotolia.com

Im Fokus des Journalisten-Workshops 2018 stand die Lebensmittelverschwendung. Die Leitfrage war, wie sich Mythen im Themengebiet Lebensmittelverschwendung von Fakten unterscheiden lassen – und wie mithilfe des Storytellings HeldInnen identifziert werden können, um komplexe Zusammenhänge und zahlenlastige Fakten auch wirklich an die Zielgruppe zu bringen.

Unter den ReferentInnen waren Valentin Thurn, Regisseur des Films "Taste the Waste", der FAZ-Journalist Jan Grossarth, Dominik Leverenz von der Universität Stuttgart sowie Dr. Felicitas Schneider vom Thünen-Institut.

Mythen und Fakten

MYTHOS: Es gibt keine wirksamen Maßnahmen gegen LM-Verschwendung …
FAKT: Einsparpotenziale sind in sämtlichen Bereichen der Wertschöpfungskette vorhanden.

MYTHOS: Lebensmittelabfälle in Haushalten werden hauptsächlich durch abgelaufene Lebensmittel hervorgerufen – Überschreitung des (MHD).
FAKT: Nur ca. 5 % der Lebensmittelabfälle in Haushalten werden durch Überschreiten des MHD hervorgerufen.

MYTHOS: Lebensmittelabfälle sind nicht vermeidbar und entstehen hauptsächlich beim Verbraucher!
FAKT: Lebensmittel gehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette (Landwirtschaft, Produktion, Handel bis zum Haushalt) verloren.

MYTHOS: Im Handel werden die meisten Lebensmittel weggeworfen!
FAKT: Im Handel fallen vergleichsweise geringe Mengen an Lebensmittelabfällen an (ca. 500.000 t/a). Handel und Produzenten spenden jährlich ca. 200.000 Tonnen nicht mehr verkaufsfähige, aber voll genussfähige Lebensmittel.

MYTHOS: Großküchen und Gastronomie dürfen keine Lebensmittel spenden!
FAKT: Großküchen und gastronomische Einrichtungen dürfen Lebensmittel spenden. Die Haftung liegt allerdings bei den Betrieben.

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Zahlen, Fakten und Lebenmittelretter-HeldInnen

Storytelling: Geschichten brauchen HeldInnen

Marie Lampert berichtet auf dem Journalisten-Workshop über die Methode des "Storytellings"Zoombild vorhanden

Marie Lampert berichtet, wie Storytelling geht

Den Auftakt machte die Journalistin und Seminarleiterin Marie Lampert mit dem Thema Storytelling. Eine Schreibmethode, die in der Werbung mit viel Erfolg zum Einsatz kommt und daher auch von JournalistInnen gern verwendet wird. Frau Lampert spannte den Bogen von der Theorie hin zu praktischen Umsetzungsideen und skizzierte mit den Teilnehmenden potenzielle HeldInnen der Lebensmittelrettung.

Der Regisseur und Buchautor Valentin Thurn wurde weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt mit seinen Filmen „Taste the waste“ und „10 Milliarden – wie werden wir alle satt?“ sowie den dazugehörigen Büchern. Neben seinem Engagement als Regisseur und Buchautor gründete er 2012 den Verein Foodsharing, um das Thema Lebensmittelverschwendung nicht nur zu dokumentieren, sondern auch aktiv anzugehen. Er berichtete von der Recherche zu seinem Film: Bevor dieser 2010 ins Kino kam, lagen noch keine Zahlen zur Lebensmittelverschwendung in Deutschland vor. Daher verwendete er Zahlen aus Großbritannien und Österreich – die sich im Nachhinein als recht zutreffend erwiesen.

"Es fehlt eine Strategie, wie Lebensmittelverschwendung bis 2030 halbiert werden soll"

Der Regisseur und Buchautor Valentin Thurn zeigt zu Beginn seines Vortrags Beispiele aus seinem Film "Taste the waste"

Valentin Thurn zeigt Beispiele aus seinem Film "Taste the waste"

Laut Valentin Thurn liegt bei den Zahlen in Bezug auf Lebensmittelverschwendung der Fokus häufig zu stark auf den Verbrauchern: „Laut aktueller Studien in Deutschland sind Verbraucher für 60 Prozent der Lebensmittelabfälle verantwortlich, Studien aus anderen Ländern kommen auf 40 Prozent. Die Verluste auf der anderen Seite der Landwirtschaft, der Erzeugung, werden in den Statistiken oft ausgeblendet.“ Als Beispiel nannte er die bekannte Zahl von 11 Millionen Tonnen vermeidbarer Lebensmittelabfälle, bei denen die Landwirtschaft ausgeblendet ist. Mit den Verlusten in der Landwirtschaft erhöht sich die Zahl auf 15 Millionen Tonnen. Zudem forderte er von der Politik eine Strategie, wie das Ziel erreicht werden soll, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren. Als Beispiel führte er Frankreich an, wo es Supermärkten nicht mehr erlaubt ist, nicht mehr verkaufsfähige, aber noch verzehrsfähige Lebensmittel in den Müll zu werfen.

Definition von Lebensmittelabfällen

Vorschlag einer einheitlichen Definition von Lebensmittelabfällen auf europäischer Ebene (veröffentlicht mit dem Definitional Framework for Food Waste des EU-Forschungsprojektes FUSIONS):
„Lebensmittelabfall ist jedes Lebensmittel, sowie dessen ungenießbarer Anteil, welches der Lebensmittelwertschöpfungskette zur Rückgewinnung oder Entsorgung entnommen wird (einschließlich kompostierte Lebensmittel, untergepflügte Pflanzen, nicht geerntete Pflanzen, anaerobe Gärung, Bio-Energie Produktion, Verbrennung, Entledigung in Kanalisation, Mülldeponie oder Einleitung ins Meer).“ (Östergren, et al., 2014)

"Einheitliche Definitionen sind wichtig"

Christine Röger vom KErn und Dominik Leverenz von der Universität Stuttgart im GesprächZoombild vorhanden

Christine Röger (KErn) im Gespräch mit Dominik Leverenz (Uni Stuttgart)

Dominik Leverenz vom Lehrstuhl für Abfallwirtschaft und Abluft der Universität Stuttgart gab einen Überblick über aktuelle Definitionen bzw. den Versuch, sich auf einheitliche Definitionen zu einigen, und betonte: „Einheitliche und klare Definitionen sind wichtig. Da es noch keine einheitlichen Definitionen gibt, ist es umso wichtiger, Ergebnisse transparent darzustellen, was eine klare und unmissverständliche Kommunikation aber nicht einfacher macht.“ JournalistInnen und VerbraucherInnen wollen einfache Zahlen, die aber bei einem so komplexen Thema nicht immer vorhanden sind.

"Wertschätzung von Lebensmitteln als Gegentrend zur Individualisierung"

Jan Grossarth, FAZ-Redakteur, gibt einen Überblick über Lebensmittelverschwendung in der MedienlandschaftZoombild vorhanden

Jan Grossarth berichtet über seine Medienanalyse

Jan Grossarth, Wirtschaftsredakteur der FAZ, gab einen Überblick über seine Medienanalyse des Begriffs der Lebensmittelverschwendung und wann dieser zum ersten Mal in der Medienlandschaft präsent war: Erst ab dem Jahr 2008. Schlagworte sind zum Beispiel "Containern", Mülltaucher, Verbraucherverhalten in Bezug auf Lebensmittelverschwendung, Foodsharing. Bevor Lebensmittelverschwendung ein Thema wurde, lag der Fokus mehr auf Umweltverschmutzung durch Chemikalien und Bedingungen der Tierhaltung. In den letzten Jahren wird vermehrt über Lösungsansätze berichtet. Laut Grossarth wird eine Wertschätzung von Lebensmitteln als Gegentrend zur zunehmenden Individualisierung gewünscht.

Initiativen, Netzwerke und Apps gegen Lebensmittelverschwendung

"Es gibt viele Maßnahmen und Mittel, um die Welt zu retten"

Dr. Felicitas Schneider vom Thünen-Institut bei Ihrem Vortrag

Dr. Felicitas Schneider vom Thünen-Institut

Dr. Felicitas Schneider ist Koordinatorin der MACS-G20-Initiative Food Loss and Waste am Thünen-Institut für Marktanalyse. Sie gab einen globalen Überblick über Lebensmittelverschwendung sowie Definitionen – und benannte das Problem, dass sich Lebensmittelverschwendung nur dann halbieren lässt, wenn genaue Zahlen bekannt sind. So wies sie auf die ungenaue Definition der Sustainable Global Development Goals hin, bei der es durch die Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche zu weiteren Unklarheiten bzw. unklaren Begrifflichkeiten kommt. Sie betonte aber, dass es nicht darum geht, Schuldige zu finden, sondern darum, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Und dass es nicht die eine Maßnahme gibt, mit der sich die Welt retten lässt, sondern es Raum für kreative Lösungen gibt.

Foodsharing e. V und Apps, um Essen zu teilen

Günes Seyfarth stellt die Initiative foodsharing e.V. München vorZoombild vorhanden

Günes Seyfahrt von foodsharing e. V. München

Um nicht nur bei theoretischen Betrachtungen zu bleiben, stellten sich vier Initiativen vor, die auf ihre Weise gegen Lebensmittelverschwendung vorgehen:

Günes Seyfarth berichtete von ihren Erfahrungen mit dem Verein foodsharing in München und davon, welche Mengen Lebensmittel tagtäglich in den Supermärkten aussortiert werden: In München sind es pro Tag 168.000 Kilogramm (bzw. 118 Gramm pro Person und Tag). Günes Seyfahrt hat mittlerweile 22.000 kg Lebensmittel gerettet. Foodsharing sammelt nicht mehr verkäufliche Lebensmittel und verteilt sie an Stationen weiter, an denen sie sich jeder, der möchte, abholen kann. Koordiniert wird das Ganze über die foodsharing-Homepage.

Sie fordert, dass ein gesellschaftliches Wissen über Ernährung viel stärker in die Bildungspolitik Eingang finden sollte. Und betonte, wie wichtig es ist, dass JournalistInnen über Lebensmittelverschwendung schreiben, um das Thema einer breiten Bevölkerungsschicht bewusst zu machen.

Kontrovers diskutiert: Wie lässt sich die Lebensmittelverschwendung reduzieren? Günes Seyfarth (foodsharing) und Danielle Borowski (HBE) antworten

Lisa Zvonetskaya stellte die von ihr entwickelte App UXA vor. In der App können die Nutzer Reste von Mahlzeiten oder Lebensmitteln einstellen, die sie selbst nicht aufbrauchen können. Die Kontaktaufnahme machen die Nutzer selbst aus. Angezeigt wird ein Umkreis bis zu 50 Kilometer.

Franziska Lienert stellte die international erfolgreiche App Tood Good To Go vor. Diese richtet sich an Unternehmen im Bereich der Außer-Haus-Verpflegung. Beispielsweise können Hotels Buffet-Reste via die App vermitteln. Die Unternehmen verdienen noch etwas und müssen die Reste nicht entsorgen und die Kunden kommen günstig an hochwertige Lebensmittel, laut Lisa Kleinert eine Win-win-win-Situation. Die App kommt ursprünglich aus Dänemark und hat aktuell 8.000 NutzerInnen in Deutschland.

Michael Spitzenberger stellte das Netzwerk "unser täglich Brot" vor. Die Idee dahinter ist, dass altes, und noch gutes, Brot nicht weggeschmissen werden muss, sondern an interessierte Unternehmen weiterverkauft wird. Die Bäckerei erhält 10 Prozent des Umsatzes. Brot retten? Ährensache.

Bildergalerie

Studie Lebensmittelverschwendung

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