KErn baut Wissensportal zu Ernährung und Medien auf

Auf einem Porzelanteller steht in bunten Buchstaben Fake News geschriebenZoombild vorhanden

© Adobe Stock Yekatseryna

Mehr Ernährungswissen für Journalisten, Redakteure und Ernährungsprofis: Am KErn ist der Startschuss für ein neues Webprojekt gefallen. Das Wissensportal mit dem Titel „Ernährungsradar“ soll Redaktionen die Arbeit erleichtern – Ziel: seriöse Infos für bessere Berichte und mehr Qualität in der Debatte über Ernährung. Auch für interessierte Nutzer und Ernährungsberaterinnen und -berater sind Angebote geplant, darunter ein Check von populären Videos oder Blogbeiträgen sowie ein Lernbereich mit Erklärfilmen, Online-Tutorials und Quiz.

Ernährungswissen ist überall: im Internet, in populären Sachbüchern, in Blogs und Videos. Doch vieles davon ist ungesichert, manches sogar gefährlich und vor allem eins: unübersichtlich. Selbst Journalisten und Ernährungsprofis schaffen es im Berufsalltag nicht immer, einem Thema auf den Grund zu gehen. In den Redaktionen herrscht Zeitdruck, häufig erscheint Ernährung dabei als Lifestyle-Thema, über das jeder schnell etwas schreiben kann. Aber die wissenschaftliche Lage auf diesem Gebiet ist komplex – hier will das Projekt ansetzen, um Service zum wissenschaftlichen Hintergrund zu bieten: Das neue Wissensportal wird fundierte Informationen zum Forschungsstand bei aktuellen Themen bereitstellen und ein Netzwerk mit Experten aufbauen. So können Journalisten qualifizierte Interviewpartner und seriöses Material für ihre Recherche bekommen. In anderen Rubriken setzen sich Experten mit Fake News auseinander und prüfen populäre Medien darauf, ob Ratschläge zu Ernährung seriös sind.

Ziele und Umsetzung

Compas der in Richtung Qualität zeigtZoombild vorhanden

© Adobe Stock Robert Kneschke

Das neue Portal soll eine Lücke schließen, die bei Ernährungsinformationen im Netz besteht: Viele Angebote konzentrieren sich auf Verbrauchertipps, Diät- und Ernährungsratschläge, Lexikonwissen oder Rezepte. Netzplattformen mit verständlich aufbereiteten Forschungsinformationen speziell zu Ernährung, die für Redaktionen nutzbar sind, gibt es nicht.

So wird der Ernährungsradar als digitales Medienzentrum eine Anlaufstelle für alle, die über Ernährung berichten. Inspiriert ist dieses Konzept von Netzinitiativen, die es unter der Bezeichnung „Science Media Center“ in verschiedenen Ländern gibt. In der Regel sind es stiftungsgeförderte Angebote, die unabhängig arbeiten und Forschungsinformationen für Redaktionen aufbereiten, um wissenschaftliche Informationen seriös in die Medien bringen.

Mit diesem Ansatz unterscheidet sich das Ernährungsradar von den Webseiten anderer Anbieter im Bereich Ernährung, etwa den Verbraucherzentralen. Kooperationen bei Inhalten und Medienprodukten sind jedoch mit verschiedenen Institutionen angedacht, darunter das Bundeszentrum für Ernährung (BZfE), die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und das Max-Rubner-Institut.

Für die ambitionierte Plattform arbeiten zwei Partner mit dem KErn zusammen: die Universität Bayreuth und die Akademie für Neue Medien (Bildungswerk) e.V. Seit Anfang 2019 hat die Gruppe an dem dreiteiligen Konzept für das neue Portal gearbeitet, unter anderem analysierte die Universität Bayreuth dazu verschiedene Ernährungsseiten im Netz. Die Sondierung zeigte, dass bisher keine Netzplattform speziell für Journalisten, Redakteure und Ernährungsfachkräfte existiert. Auch fehlt es an der Möglichkeit für Journalisten, zentral auf Zahlen und Daten zu einem Ernährungsthema zuzugreifen, ohne bei mehreren Institutionen, Verbänden oder Unternehmen recherchieren zu müssen.

Das Konzept eines aktuellen Food Science Media Centers als Angebot an Redaktionen, die über Ernährung berichten, überzeugte: Das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF), das Bundesministerium für Ernährung in Berlin (BMEL) und die Oberfrankenstiftung fördern die neue Wissensplattform.

Struktur und Inhalte

Das neue Portal besteht aus drei Teilen mit Themen, Checks und einem Lernbereich:

Würfel mit Buchstaben die zusammengestellt sind und das Wort Fakten ergebenZoombild vorhanden

© Adobe Stock oxie 99

Themen und Debatten
Im ersten Teil geht es um Themen, Trends und Hypes. Hier sind vor allem Journalisten und Redaktionen die Adressaten. Eine Fachredaktion am KErn bereitet gemeinsam mit freien Wissenschaftsredakteuren den Forschungsstand zu aktuellen Themen für Medienvertreter verständlich auf. Dabei gibt es Verweise auf Originalpublikationen sowie einen Medienservice mit Interviewpartnern und Material: Daten, Zahlen und Fakten sollen als Linkliste zu einem Thema gesammelt werden, wenn möglich, stehen auch Downloads mit Grafiken und Visualisierungen zur Verfügung. Außerdem sind Debatte und Reflexion geplant: Formate wie „Pro & Contra“ oder „Mythen vs. Fakten“ machen verschiedene Standpunkte deutlich, klären Fake News rund um Essen und Ernährung auf und zeigen, warum die Wissenschaft nicht immer eindeutige Antworten parat hat.
Der Check
Ein weiterer Bereich richtet sich sowohl an Journalisten als auch an interessierte Nutzer. Unter dem Arbeitstitel „Der Check“ bespricht die Redaktion gemeinsam mit Wissenschaftlern populäre Medien: Geplant sind Rezensionen von Sachbüchern und Bestsellern sowie Blogbeiträgen. Portale und Videos von Influencern auf Youtube, Facebook und in anderen sozialen Netzen werden nach klaren Kriterien besprochen, darunter zur Seriosität der Inhalte und zur Transparenz.
Essen und Lernen
In diesem Teil soll nach und nach eine Mediathek mit Erklärvideos und interessanten Lernmedien entstehen, zum Beispiel mit Verweis auf interessante Berichte der ARD und anderer Sender. Mittels Kooperationen und kommentierten Links zu externen Seiten soll eine möglichst multimediale Auswahl zu Schwerpunktthemen entstehen. Neben eingebetteten Videos und Linklisten sind auch eigene Produktionen geplant: Erklärvideos sowie selbst entwickelte Quiz und Online-Spiele sollen Ernährung multimedial dem Nutzer näherbringen.

Unter dem Titel „Die Sprechstunde“ plant das Entwickerlteam Webinare im 45-Minuten-Format, hier stehen Experten in einer offenen Fragerunde Rede und Antwort. Für eine spätere Phase ist E-Learning mit Kursen, Weiterbildung und Material für die Praxis von Ernährungsfachkräften geplant.
Zielgruppen
Neben Journalisten, Redaktionen und Ernährungsprofis richten sich gerade Check- und Lernbereich auch an interessierte Nutzer und Nutzerinnen, die vertiefte Informationen zu Ernährung suchen. Dies können zum Beispiel Schwangere sein, die mehr über die Ernährung in der Schwangerschaft und den ersten Lebensmonaten ihres Kindes wissen möchten, oder Senioren, die Informationen zum speziellen Nahrungsbedarf im Alter suchen.

Hintergrund zum Projekt

Die vernetzte Welt vor einem SupermarktregalZoombild vorhanden

© Adobe Stock African Studios

Die Idee zum Wissensportal Ernährung entstand bereits 2015 bei der Leiterin des Bereichs Wissenschaft am KErn, Christine Röger. Mit ihrem Team organisierte sie Wissenschaftsveranstaltungen und Journalistenworkshops zum Thema Fakten und Mythen in der Ernährung, ein Thema, das seit Jahren an Bedeutung zunimmt. Auch beim Beantworten von Presseanfragen durch das KErn stellt sich immer wieder heraus, dass sowohl Journalisten als auch Publikum vielen Ernährungsirrtümern unterliegen. Neben Journalisten und Bürgern verlieren dabei selbst Fachkräfte angesichts der Flut von Forschungsartikeln und Sachbüchern gelegentlich den Überblick.

Die Lösung erscheint naheliegend: Ernährungsinfos im Netz bündeln, nach Themen ordnen, mit Expertenwissen verknüpfen und noch besser vermitteln – das Ganze am besten schnell auffindbar im Internet. Druck erzeugte dabei eine merkliche Tendenz im öffentlichen Bewusstsein: Wie bei anderen Institutionen war bei Veranstaltungen am KErn eine unterschwellige Vertrauenskrise zu spüren, die Wissenschaft, Agrarindustrie und Institutionen betrifft. Um hier auf Augenhöhe und modern im Netz kommunizieren zu können, erscheint das Konzept eines debattenorientierten Portals als zeitgemäßes und wichtiges Instrument.

So organisierte das KErn im Vorfeld des Förderantrags zwei Experten-Workshops, um Bedarf und Interesse abzufragen, Kooperationsmöglichkeiten auszuloten und Ideen für die Umsetzung zu sammeln. Journalisten und Fachleute aus dem ganzen Bundesgebiet nahmen teil, darunter von wichtigen Playern der Szene wie dem Max-Rubner-Institut, dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam (DIfE), dem Eufic, Lehrstühlen der TU München, der Uni Leipzig, der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, dem Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie oder dem BZfE.

Die Workshops zeigten, dass ein Portal zu Ernährungswissen mit Medienbezug auf großes Interesse trifft, so entstand 2019 eine Pilotwebseite im Netz, die von Fachjournalisten getestet und kontinuierlich weiterentwickelt wurde.

Neben dem Ziel der Aufklärung ist für das KErn auch der digitale Wandel ein wichtiges Motiv, um ein neues, agiles Internetprojekt voranzutreiben: Institutionen und Behörden müssen sich der Transformation stellen, die eine Wissensgesellschaft mit zunehmender Onlinekommunikation mit sich bringt. Daher ist das neue Portal auch intern eine Investition in die Zukunft und schafft die Möglichkeit, neue Formate der Zusammenarbeit und der Medienproduktion auszuprobieren oder Kollegen fit für die digitale Kommunikation zu machen.
Der Transfer aus der Wissenschaft in die Ernährungswirtschaft und die Bevölkerung ist dabei ein zentrales Element. Dies ist durch eine Fachredaktion und die Zusammenarbeit der drei unterschiedlichen Projektpartner KErn, Universität Bayreuth und Akademie für Neue Medien gewährleistet. Deshalb soll das Portal auch mit einem eigenen Auftritt, wiedererkennbarem Design und einprägsamem Logo eine eigene Marke im Netz werden.

Auch der neue Campus Kulmbach mit seiner neuen Fakultät Lebensmittel, Ernährung und Gesundheit samt eigenem Kursmodul Wissenschaftskommunikation sieht im Portal eine Chance, der Wissenschaft in der Ernährungsdebatte ein stärkeres Gewicht zu verleihen. Studenten werden im Projekt zum Beispiel Content erstellen, Erklärvideos konzipieren, Texte liefern oder Bücher, Videos und Blogs auf die Seriosität der Inhalte untersuchen. Dazu erhalten sie vorab ein Medientraining bei der Akademie für Neue Medien, die professionelles Handwerkzeug in Theorie und Praxis vermittelt.

Für die Zeit nach dem Projektende 2024 ist damit auch eine langfristige Zulieferung von hochwertigem Content für das Portal gesichert. Dazu hat die neue Fakultät 7 der Universität Bayreuth die Medienausbildung auch in ihren Ausbildungsauftrag übernommen.

Mit der Content-Strategie und den Angeboten für Profis sollen außerdem Handwerker, Hersteller und Unternehmen der Ernährungswirtschaft in der Region profitieren. Damit erschaffen die drei Projektpartner ein regionales Netzwerk, das möglichst bald auch bundesweit ausstrahlen soll: als einzigartiger Nukleus für Ernährung.

Kooperationspartner

Förderer:

Projektinformation

Laufzeit: November 2020 bis Oktober 2024
Erste Online-Stufe: voraussichtlich ab Juni 2022