Workshop-Rückblick
Mythen & Fakten in der Ernährung – Ernährungsstudien richtig interpretieren

Einladung zum Journalistenworkshop

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„Mythen und Fakten in der Ernährung – Ernährungsstudien richtig interpretieren“ unter diesem Titel fand am 09.12.2016 der dritte KErn-Journalistenworkshop im Presseclub München statt. Journalisten und Wissenschaftler referierten zu den Themen Ernährungsstudien lesen und bewerten, Statistiken verstehen, Aufhänger zur Ernährung in Print-Medien und TV sowie den „Ernährungs-Dauerbrennern“ Diäten und neue Ernährungstrends.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Dr. Wolfram Schaecke, Leiter des KErn, mit einem Verweis auf das „Wort des Jahres“: postfaktisch. Gefühlte Wahrheiten seien demnach in der öffentlichen Diskussion zunehmend wichtiger. „Dem gegenüber steht allerdings, dass gerade aufgrund der vielen Halbwahrheiten, die in den Medien wie auch im Web kursieren, fachlich fundierte und verlässliche Aussagen einen Kontrapunkt bilden. Bedeutsam ist es deshalb, zu wissen, wie wir Mythen besser identifizieren und auch Ernährungsstudien besser interpretieren können.“ Der Journalistenworkshop solle hierzu einen Beitrag leisten und Ernährungsthemen sowie die Studien kritisch hinterfragen.

Qualität versus Quote: Aufhänger zur Ernährung in den (Print)-Medien – Ernährungsstatement

„Ernährung ist in der Presse ein großes Thema, mit dem es für Journalisten allerdings immer schwieriger umzugehen ist.“ Warum das so ist, erörterte Kathrin Zinkant, Redakteurin im Ressort Wissen der Süddeutschen Zeitung. Ernährung habe eine hohe Relevanz. Allerdings spielten dabei Ernährungsstudien im täglichen Redaktionsalltag eine immer kleinere Rolle. Stattdessen entsprechen neu erschienene Bücher, Produkte, Skandale und immer neue Mythen eher dem Zeitgeist. Wobei Ernährungsmythen laut Zinkant sich so formieren: „Für die Öffentlichkeit stehen Ernährungsthemen immer seltener in einem rein wissenschaftlichen Kontext, vielmehr spielen andere Aspekte wie Wohlfühlen, Lifestyle und Umwelt eine bedeutende Rolle.“
Ernährungsweisen und deren Auswirkungen auf die Gesundheit lassen sich wissenschaftlich schwer untersuchen, da sie große epidemiologische Studien erfordern würden. Weiterhin widersprächen sich Ernährungsstudien häufig oder zeigten keine klaren Effekte, was für Verbraucher unbefriedigend sei. „Wissenschaftlich betrachtet gibt es keine dezidiert gesunde Ernährung“, so Zinkant. Für die Leser ist es häufig interessanter, ein Gefühl zu vermitteln als eine wissenschaftlich valide Einschätzung zu geben. Für die Printmedien bedeutet das, dass Ernährungsthemen zwar stattfinden, aber selten in einem wissenschaftlichen Kontext stehen. Dabei unterstrich sie, dass in Qualitätsmedien nach wie vor Wert gelegt werde, auf solide Studien und deren ursprüngliche Aussagen.

„Unstatistiken“ in den Medien zur Ernährung

Der Frage wie man Statistiken richtig interpretiert, ging Diplom-Statistikerin und Gründerin des Unternehmens STAT-UP, Katharina Schüller in ihrem Vortrag nach: „Die vier Grundrechenarten reichen, um statistische Konzepte zu verstehen.“ Anhand von Beispielen veranschaulichte Schüller, welche Probleme bei der Interpretation auftreten können. So wurde in einer Studie zu Vitamin-D-Mangel und Krebs eine Korrelation zwischen dem Vitamin D-Spiegel und dem Schweregrad der Erkrankung hergestellt. Schüller wies auf den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität hin. Kausalität beschreibt den Zusammenhang zweier Merkmale aus Ursache und Wirkung, Korrelation dagegen misst die Stärke zweier Variablen zueinander. So könnte die Krankheit die Ursache für einen niedrigen Vitamin D-Status sein oder eine Scheinkorrelation vorliegen, sodass die zwei Merkmale zwar eine statistische Beziehung haben, sich aber nicht gegenseitig beeinflussen. Ebenso möglich: Die Krebskranken verbrachten weniger Zeit im Freien und daher wurde ein niedrigerer Vitamin-D-Wert erzeugt.
Auf Probleme bei der statistischen Erhebung zum Nachweis von Schadstoffen wies Frau Schüller ebenfalls hin. Werte, die unterhalb des Messbaren liegen, werden häufig mit dem Wert Null in die Statistik eingegeben, obwohl sie dennoch vorhanden sind (Lower limit of detection). Schwierig sei immer noch, dass in der Bevölkerung das Verständnis für Statistik fehle, weshalb Schüller appellierte, die Relevanz der Statistik besser in den Medien zu kommunizieren. „Statistik ist die Wissenschaft der empirischen Forschung“, und damit essentiell für wissenschaftliche Interpretationen und Erkenntnisse. Sie engagiert sich dafür, Statistik verständlich zu kommunizieren und klärt als Lehrbeauftragte an verschiedenen Hochschulen, Expertin bei DRadio Wissen und Buchautorin über den richtigen Gebrauch statistischer Methoden auf.

Ist die Wissenschaft noch zu retten? Von Schokodiäten und ihren vermeintlichen Wunderwirkungen – Ernährungsstudien bewerten

Einen Überblick über Studien und ihre Verlässlichkeit gab Prof. Dr. Antes, Mathematiker und Methodenwissenschaftler am Universitätsklinikum Freiburg und Direktor bei Cochrane Deutschland. Antes schilderte die Studienlage mit einem Zuwachs von 30.000 kontrollierten Studien im Jahr, wobei 50 Prozent davon gar nicht veröffentlicht würden. Er wies zudem auf das Problem hin, dass es keine sichere Methode zur Identifikation der vorhandenen Evidenz einer Studie gibt, wodurch die Bewertung von relevanten Studien schwierig sei.
„Die kontinuierliche Wiederholung des Unbewiesenen wird nicht hinterfragt, wodurch Mythen verstetigt werden“, sagte Antes. Gerade in Studien zur Ernährung seien Interessenskonflikte vorhanden, wodurch stets kritisch zu prüfen sei, wer die Studie finanziell unterstützt und welche Ziele damit erreicht werden sollen. Generell sei es schwierig Originalstudien zu lesen bzw. sie auch parat zu haben, weshalb es umso wichtiger sei auf Plattformen wie Cochrane oder auf wissenschaftliche Institutionen zurückzugreifen und hier Originalstudien anzufordern. Er riet dazu, sich im Zweifelsfall immer die Primärdaten anzuschauen. Antes verwies in seinem Vortrag u.a. auf folgende Quellen, die in Bezug auf die Bewertung von Studien hilfreich sind:

Modediäten und ihre (wissenschaftlichen) Grundlagen – Hands-On: Studien lesen und verstehen im Bereich Adipositas/Übergewicht

Prof. Dr. Johannes Erdmann gab in seinem Vortrag einen Überblick über Studien zu Übergewicht und Adipositas und schilderte resultierende Probleme bei der Bewertung von Ernährungs-Fachartikeln generell. Problematisch bei hypokalorischen Diäten sei, egal ob Low Fat, Low Carb, High Protein oder VLCD (very low calory diet), eine langfristige Gewichtsreduktion zu erzielen. Studien zeigten, dass zur Gewichtsreduktion die Energiedichte sehr wertvoll sei, also wieviel Energie, gemessen in kcal/g, im Lebensmittel stecken. „Zum Abnehmen eignen sich Lebensmittel mit geringerer Energiedichte, da mehr verzehrt werden kann und eine bessere Sättigung bei weniger Kalorienzufuhr erreicht wird.“ Abschließend schilderte Erdmann die Erfahrungen seiner eigenen Forschungstätigkeit, einer randomisierten Studie, bei der die Menge der Energie und Energiedichte reduziert wurde. Sein Appell lautete, einen pragmatischen Ansatz für stark Übergewichtige zu wählen. Ernährungsempfehlungen, so betonte Erdmann, müssten immer mit einem gewissen Spaßfaktor verbunden sein und der Lebenswirklichkeit der Betroffenen möglichst nahe kommen. Bevormundung oder der viel zitierte erhobene Zeigefinger brächten den Patienten keinen Schritt weiter.

Wissenschaft und mediale Wirkung: Zucker, Wurst, Fett & Salz – Bösewichte in der internationalen Presseschau? International relevante Ernährungsstudien beurteilen

Wie international relevante Studien zu beurteilen sind und Ergebnisse zielgruppenspezifisch kommuniziert werden können, erläuterte Dr. Sophie Hieke vom European Food Information Council (EUFIC). Um eine ansprechende Kommunikation zu ermöglichen, sei es laut Hieke wichtig, im Vorfeld zu klären, wer die Zielgruppe ist und was konkret kommuniziert werden soll. Dies beinhalte auch, die Ausgangslage zu klären, also wieviel bereits bekannt ist und wie das Thema in den Kontext zu setzen ist. Voraussetzung ist außerdem zu verstehen, welche Informationskanäle die Zielgruppe nutzt, um sich zu informieren. „Es ist mittlerweile eine große Bewegung in Richtung soziale Medien zu verzeichnen. Blogs beispielsweise haben einen immer größeren Einfluss.“ Als Beispiel für eine gelungene Kommunikation nannte Hieke eine Veröffentlichung des Cancer Research Centre UK, die noch am selben Tag auf eine Veröffentlichung des IARC (International Agency for Research on Cancer) zur Kanzerogenität von rotem Fleisch reagierte. Auf deren Blog wurde eine übersichtliche Infografik gezeigt, um den Kontext der wissenschaftlichen Ergebnisse für die Öffentlichkeit darzustellen. Abschließend stellte Hieke die am EUFIC erstellten grafischen Darstellungen zu Themen wie Korrelation versus Kausalität, Gefahr und Risiko sowie absolutes und relatives Risiko vor, die dazu dienen, Wissenschaft zu verstehen und zu interpretieren.

Zum Blog des Cancer Research Centre UK Externer Link

Weiterführende Informationen des Europäischen Informationszentrums für Lebensmittel (EUFIC) zum Thema:

Aufmacher vs. Aufreger: Aufhänger zur Ernährung im TV – Eingangsstatement und Diskussion

Einen Einblick zu gefragten Aufhängern im TV gab Jürgen Seitz, leitender Redakteur der Sendung Mehrwert im Bayerischen Fernsehen, anhand des Beispiels „Brezn-Check“.
In Bezug zu Aufhängern in der Ernährung eignen sich Seitz zufolge Checks, in denen Produkte anhand von verschiedenen Kriterien getestet und bewertet werden, sehr gut, da sie die breite Masse ansprechen. „Gerade beim Fernsehen ist es die Daumenregel, dass jeder Zuschauer mindestens mittelbar stark betroffen sein muss, um nicht abzuschalten.“ Anhand der Vorstellung des Brezn-Checks machte Seitz deutlich, dass eine gute Vernetzung im eigenen Haus beispielsweise mit Juristen, Marktforschern oder Statistikern von großer Bedeutung sei. Seitz betonte außerdem, dass ein stimmiges „Check-Konzept“ mit interessanten Kriterien wie bspw. Transparenz essentiell sind, um Dramaturgie zu erzeugen und den Zuschauer bei Laune zu halten.

Das große Diät-Ritual: Abnehmen in den Medien

Im ersten Teil ihres Workshops stellte Johanna Bayer, Wissenschaftsjournalistin und Buchautorin, das Medienfeld und dessen Umgang mit Ernährungsthemen vor. Bayer gab zunächst einen Überblick darüber, in welchen Ressorts und Formaten Ernährung thematisiert wird und betonte insbesondere die Verknüpfung von Ernährung mit Gesundheitsthemen in den Medien. Neben Print und online spielten auch Blogs eine immer größere Rolle in der Medienlandschaft. Um über Ernährungsthemen zu schreiben, stehe Journalisten ein großer Fundus unterschiedlicher Quellen zur Verfügung, von großen EPIC-Studien bis hin zu populären Sachbüchern über Fett, Zucker und Co. Da das Thema meist von unterschiedlichen Ressorts aufgegriffen werde, gibt es laut Bayer wenige Fachredakteure, wodurch auch viel Unwahrheit verbreitet würde.
Das große Diät-Thema sei zu jeder Jahreszeit – insbesondere aber auch im Frühjahr - Themenaufhänger bis hin zur Titelstory und oft verbunden mit einer persönlichen, spektakulären „Abnehmgeschichte“. In Wahrheit wären die Erfolgsraten bei Gewichtsreduktionsprogrammen stark Übergewichtiger jedoch ernüchternd bis hin zu niederschmetternd. Daher müssten sich die verantwortlichen Redakteure die Frage gefallen lassen, ob immer wiederkehrende Wunder-Erfolgsstories noch etwas mit der Realität gemein hätten.
Zudem wiesen Diät-Trends in den Medien eine große Bandbreite auf, von Low Carb, Stoffwechseldiäten über Paleo und Clean Eating. „Auch wenn diese Trend-Diäten für leicht Übergewichtige eine attraktive Ernährungsweise darstellen können – für Adipöse funktionieren sie (meistens) nicht.“ Die Analyse verschiedener Texte im praktischen Teil des Workshops zeigte, dass vermeintlich wissenschaftliche Aussagen keine Garantie auf Validität geben.
Generell lohne es sich im Dienste des Verbraucherinteresses, über neue Trends und Ernährungsthemen zu berichten. Dies sei auch ohne wissenschaftliche Studien gut möglich, indem beispielsweise am Ernährungsdiskurs ausgewiesene Organisationen oder Verbände mit in die Diskussion einbezogen werden.

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