Kontrovers diskutiert
Adipositasprävention – eine (ge)wichtige Herausforderung

Die Deutschen werden immer dicker – solchen und ähnlichen Aussagen begegnet man heute häufiger. Ist das tatsächlich der Fall und wenn ja, welche Präventionsmaßnahmen sind sinnvoll? Und ist Fleischessen wirklich das neue Rauchen?

Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), und Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. (BLL), diskutieren kontrovers über Strategien zur Bekämpfung von Übergewicht und Adipositas.
Portrait Dr. Dietrich GarlichsZoombild vorhanden

Dr. Dietrich Garlichs; Foto: DDG

Dr. Dietrich Garlichs ist Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), die mit ihren über 9.000 Mitgliedern zu den großen medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland gehört. Er ist außerdem Gründer und Sprecher der Deutschen Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten (DANK), einem Zusammenschluss von 17 medizinischen Fachgesellschaften und Forschungsinstitutionen. Zuvor war Garlichs 18 Jahre lang Geschäftsführer des Deutschen Komitees für UNICEF und hat als Gründungsgeschäftsführer von 2009 bis 2011 die neue Organisation diabetesDE aufgebaut.
Portrait Christoph MinhoffZoombild vorhanden

Christoph Minhoff; Foto: Minhoff

Christoph Minhoff ist seit 2012 Hauptgeschäftsführer des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. sowie der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie e. V. Zuvor war er Programmdirektor von Phoenix in Bonn und Leiter des ZDF-Landesstudios Bayern. Minhoff war zudem jahrelang als Redakteur für Rundfunk und Fernsehen tätig. Im Jahr 2011 wurde er mit dem "Medienpreis Politische Bildung" sowie 2007 mit dem "Hugo-Junkers-Preis" ausgezeichnet. Christoph Minhoff lehrt überdies als Dozent an der Europäischen Medien- und Business Akademie in Hamburg.

Laut dem Robert Koch-Institut sind 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen in Deutschland übergewichtig. 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen sind adipös. Wird die deutsche Bevölkerung immer dicker?

Dr. Dietrich Garlichs:
Ja, diesen Trend müssen wir leider beobachten. Nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts hat insbesondere das starke Übergewicht zugenommen, vor allem bei jungen Männern. Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe. Zum einen bewegen wir uns immer weniger. Obwohl unser Körper eigentlich 10.000 Schritte täglich braucht, schaffen wir nur ein Drittel davon. Zum anderen nehmen wir mehr Kalorien zu uns, als wir verbrennen – wir essen doppelt so viel Zucker und Fett, wie uns gut täte. Es ist auch nicht einfach, dem zu widerstehen. Zu essen und zu trinken gibt es schließlich an jeder Ecke und zu jeder Zeit. Zudem sendet uns die Werbung permanent Bilder und Botschaften von delikatem Fast Food, bequemen Convenience-Produkten und durstlöschenden Softdrinks. Alles möglichst hochkalorisch und in XXL-Portionen.
Christoph Minhoff:
Ich bin niemand, der in die Glaskugel schaut, sondern verlasse mich lieber auf Fakten. Die Erhebung des Gesundheitsstatus der deutschen Bevölkerung ist ein sehr großer Aufwand, deshalb liegen uns leider nicht jedes Jahr neue Zahlen vor, sodass man hier einen Verlauf in die eine oder andere Richtung sehen kann. Die genannten Daten sind aus der DEGS-Studie aus dem Jahr 2012, neue Daten werden nach Angaben des RKI demnächst erhoben und erst in ein paar Jahren veröffentlicht. Bei den Kindern und Jugendlichen sind nach Angaben der KIGGS-Studie übrigens sechs Prozent adipös – das heißt 94 Prozent (!) sind es nicht. Und die letzten Schuleingangsuntersuchungen zeigen zudem einen Rückgang der Adipositasrate bei den Erstklässlern von durchschnittlich 1,8 Prozent.

Es wird in der Prävention zwischen zwei unterschiedlichen Ansätzen unterschieden: Verhaltens- und Verhältnisprävention. Welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach sinnvoll zur Prävention von Übergewicht und Adipositas?

Dr. Dietrich Garlichs:
Die von der Politik bisher verfolgte Strategie der Verhaltensprävention und Eigenverantwortung ist im Prinzip richtig. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt aber, dass diese Strategie leider nur diejenigen Personen erreicht, die ohnehin schon über ein ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein verfügen. Darum ist eine gesundheitsfördernde Umgestaltung unserer Lebenswelten notwendig. Auf die ganze Bevölkerung ausgerichtete Maßnahmen der Verhältnisprävention sind viel effektiver und kosteneffizienter und führen dazu, dass der gesunde Lebensstil mit ausreichend Bewegung und gesundem Essen auch tatsächlich in den Lebensalltag integriert wird. Der Slogan der Weltgesundheitsorganisation für diese Herangehensweise lautet: „To make the healthy choice the easier choice“.
Christoph Minhoff:
Die Verhaltensprävention ist das A und O, also Bildung in Theorie und Praxis, die die Menschen dazu befähigt, informierte Entscheidungen treffen zu können. Wissen und Achtsamkeit ist die Grundvoraussetzung für einen gesunden Lebensstil. Und um sich für oder gegen etwas aktiv entscheiden zu können, brauchen wir zum einen die Information und zum anderen die Auswahlmöglichkeit. Und da sind wir bei der Verhältnisprävention. Natürlich spielt mein Umfeld eine wichtige Rolle, z. B. Treppen als Alternativen zu Aufzügen oder ausgebaute Fahrradwege in der Großstadt – oder eben ein Erfrischungsgetränk in der klassischen und der Light-Variante.

Die Adipositas-Prävalenz ist geringer bei Personen mit hohem sozioökonomischem Status. Was bedeutet das für die geplanten Maßnahmen und Projekte?

Dr. Dietrich Garlichs:
Zu den Hauptrisikogruppen für Übergewicht zählen in der Tat bildungsferne Schichten. Fettleibigkeit tritt bei Männern mit niedriger Bildung doppelt so häufig auf wie bei solchen mit hohem Schulabschluss, bei Frauen sogar dreimal so häufig. Je schlechter die sozioökonomische Situation, desto wahrscheinlicher das Auftreten von Lebensstilkrankheiten, die wie etwa Diabetes Typ 2 stark mit Übergewicht zusammenhängen. Diese Gruppen erreicht man schlecht über allgemeine Aufklärungskampagnen und Appelle an die Vernunft. Wirkungsvolle Maßnahmen und Projekte müssen daher niederschwellig verankert sein, sie müssen direkt in die Lebenswelten der Betroffenen hineinreichen. Die Politik muss versuchen, einen gesunden Lebensstil in jungen Jahren zu prägen und ein flankierendes Umfeld zu schaffen.
Christoph Minhoff:
Übergewicht ist multikausal bedingt. Deshalb ist der erste Schritt, dass man sich darüber klar wird, dass komplexen Problemstellungen selten mit einfachen Lösungen entgegengetreten werden kann. Wir müssen alle Menschen mitnehmen auf die Reise, deshalb ist ein wichtiger Baustein die Implementierung von Ernährungsbildung in Kitas und Schulen, sei es durch Wissensvermittlung oder durch Praxis wie Kochen oder Projekttage. Und wir müssen schauen, wo bestimmte Gruppen „abgeholt“ werden können. Unsere Branche engagiert sich hier mit vielen unterschiedlichen sozialen und sportlichen Aktionen. Eine wichtige Schnittstelle sind z. B. auch die TAFELN*, mit denen der BLL zurzeit ein Projekt erarbeitet.
* Der Bundesverband Deutsche Tafel e. V. hat mit der Plattform Ernährung und Bewegung e. V. (peb) und dem BLL das Projekt "Lecker tafeln! Von der Tafel auf den Familientisch" ins Leben gerufen. Bei dem Projekt soll die Ernährungs- und die Lebensmittelkompetenz gefördert und die Wertschätzung für Lebensmittel erhöht werden.

Sind Ihrer Meinung nach gesetzliche Regelungen zur Eindämmung des Übergewichts und der Adipositas notwendig?

Dr. Dietrich Garlichs:
Die DDG plädiert zusammen mit der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) dafür, insbesondere vier verhältnispräventive Maßnahmen umzusetzen. Dazu zählt jeden Tag mindestens eine Stunde Bewegung und Sport in Schule und Kindergarten. Wir halten es darüber hinaus für sinnvoll, Übergewicht fördernde Lebensmittel zu besteuern und im Gegenzug dazu gesunde Lebensmittel zu entlasten – diese Maßnahme ist auch bekannt unter dem Begriff „Zucker-Fett-Steuer“. Zudem sollte es verbindliche Qualitätsstandards für die Kindergarten- und Schulverpflegung geben. Schließlich treten wir dafür ein, dass Werbung für übergewichtsfördernde Produkte verboten wird, die sich an Kinder und Jugendliche richtet. Dass Werbeverbote und Steuerveränderungen wirken, belegt die Tabakprävention. Die Steuererhöhungen haben den Zigarettenkonsum von Jugendlichen in einem Zeitraum von zehn Jahren halbiert, und die Alkopops sind nach Einführung einer entsprechenden Steuer praktisch vom Markt verschwunden.
Christoph Minhoff:
Wir können stolz darauf sein in einem Land zu leben, in dem man seine Meinung frei äußern und selbstbestimmt leben kann. Die Menschen wollen keinen Ernährungsvormund, der ihnen vorschreibt, wie sie sich zu verhalten haben und was sie essen dürfen. Eine staatlich verordnete Diät passt in die Welt von George Orwell, aber nicht in die Realität.

Anfang des Jahres 2015 hat die Weltgesundheitsorganisation die aktualisierte Richtlinie zum Zuckerverzehr veröffentlicht: Die Zufuhr freier Zucker soll auf unter fünf Prozent der Gesamtenergiezufuhr (oder 6 Teelöffel/Tag) reduziert werden. Ist es ein Schritt in die richtige Richtung?

Dr. Dietrich Garlichs:
Ja, unbedingt. Zucker ist ein lebenswichtiger Energielieferant, der uns atmen, denken und laufen lässt. Doch der Verzehr von Zucker im Übermaß führt zu Übergewicht, belastet die Leber, stört den Insulinhaushalt, erhöht den Blutdruck und damit das Risiko für Herz-und Kreislauferkrankungen, beschädigt Zähne und kann sogar zu Krebs führen. Das alles sind schwerwiegende Gründe, die für eine Reduktion sprechen. Wir sollten uns wieder besser daran erinnern, dass dem Menschen ursprünglich nur eine begrenzt verfügbare Quelle an süßer Nahrung zur Verfügung stand: Obst.
Christoph Minhoff:
Die Gegenfrage wäre – was ist hier die richtige Richtung? Die Zucker-Richtlinie der WHO geht an der Lebensrealität der Verbraucher vorbei. Nehmen Sie z. B. ein klassisches deutsches Frühstück: ein Vollkornbrötchen mit Honig, ein Glas Orangensaft und eine Tasse Kaffee. Dann hätten Sie Ihren Zuckerbedarf für den ganzen Tag schon überschritten. Die WHO liefert auch keine fundierte wissenschaftliche Begründung für die fünf Prozent. Warum fünf und nicht sechs oder vier? Das ist eine reine politisch motivierte Scheinlösung, die in Sachen Übergewichtsprävention nicht zielführend ist.

Im Oktober letzten Jahres stufte die Weltgesundheitsorganisation verarbeitetes Fleisch als krebserregend ein. Ist Fleischessen das neue Rauchen?

Dr. Dietrich Garlichs:
Wir haben diese Warnung mit großem Interesse aufgenommen. Sie unterstützt im Prinzip unsere Empfehlung nach einer ausgewogenen Ernährung mit viel Gemüse und Obst, die eine reiche Quelle für Vitamine und antioxidative Nährstoffe sind. Es gibt übrigens auch vereinzelte Hinweise, dass Vegetarier seltener an Diabetes Typ 2 erkranken. Aber diese Datenlage ist insgesamt noch zu dünn, um abschließende Schlüsse daraus zu ziehen. Bis dahin gilt: besonders rotes Fleisch sollte die Ausnahme in unserem Speiseplan sein, und nicht die Regel.
Christoph Minhoff:
Hier liegt der Teufel im Detail. Die „Fleisch ist krebserregend“-Story ist eine Paradebeispiel für wissenschaftliche Kommunikation in den Medien. Tatsächlich lautete das Ergebnis der Studie, dass beim Verzehr von 100 Gramm rotem Fleisch pro Tag das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, um 17 Prozent zunimmt. Beim Verzehr von 50 Gramm verarbeitetem Fleisch pro Tag nimmt dieses Risiko um 18 Prozent zu. Aber die Meldung „Fleisch ist krebserregend“ generiert natürlich mehr Aufmerksamkeit.