14. DGE-Ernährungsbericht
Kurze Zusammenfassung und Bewertung im Kontext einer Umsetzung einer nachhaltigen und gesundheitsförderlichen Ernährung

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) veröffentlicht im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) alle vier Jahre ihren Ernährungsbericht. Er gibt Antworten auf grundlegende Fragen wie „Was und wie viel wird in Deutschland gegessen?“ „Wie verändern sich das Ernährungsverhalten und die Versorgung der Menschen?“ „Werden Ernährungsempfehlungen umgesetzt?“ und „Welche Maßnahmen sind notwendig, um die Gesundheit der Menschen zu fördern?“. Der aktuelle Ernährungsbericht, Bericht Nr. 14, ist Ende November 2020 erschienen. Die Ernährungsberichte schreiben Daten zur Ernährungssituation in Deutschland fort und stellen jeweils aktuelle Forschungsergebnisse vor, dienen somit als wissenschaftlich fundierte, objektive Informationsquelle.

Kapitelübersicht

Inhaltsübersicht
Kapitel 1: Ernährungssituation in Deutschland
Kapitel 2: Ernährungssituation in Krankenhäusern und Pflegeheimen – Auswertung der NutritionDay-Daten für Deutschland
Kapitel 3: Studie zur Erhebung von Daten zum Stillen und zur Säuglingsernährung in Deutschland – SuSe II
Kapitel 4: Vegetarische Ernährung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland – VeChi-Youth-Studie
Kapitel 5: Prävention chronischer Erkrankungen durch Ernährung
Zusammenfassung

Hinweis: Es handelt sich bei der Kurzzusammenfassung um eine reine Zusammenfassung des DGE-Ernährungsberichts ohne Wertung. Sie gibt nicht die Meinung der Autoren wieder.

Kapitel 1: Ernährungssituation in Deutschland

  • Insgesamt konnte in den vergangenen Jahren ein Rückgang von Alkohol und Schweinefleisch und ein vermehrter Konsum von Gemüse sowie energiefreier Getränke beobachtet werden. Dagegen ging der Verbrauch von Obst, Getreideerzeugnissen und Kartoffeln zurück. Zudem gab es einen Anstieg bei den Produktgruppen Käse, Rind-, Kalbfleisch sowie Geflügel. Die Trendanalysen basieren auf der Agrarstatistik. Es wurden die Jahre 2007 bis 2018 betrachtet.

Grafische Darstellung der Trends im Gemüseverbrauch von 2007 - 2008

  • Durch eine Neuauswertung der NVS II wurde das erste Mal „Misreporting“ bei der Erfassung des Ernährungsstatus in Deutschland untersucht. Zu mengenmäßig falschen Angaben neigen vor allem Menschen mit Übergewicht sowie Frauen und jüngere Personen aus den unteren und mittleren sozialen Schichten.
  • Übergewicht kommt in allen Altersgruppen der Bevölkerung in einem großen Maßstab vor (bei 59,4 % der Männer und bei 37,3 % der Frauen). Studien belegen in den letzten Jahrzehnten eine kontinuierliche Zunahme bei Erwachsenen, vor allem bei Hochbetagten und auch bei der Gruppe der Schwangeren. Auch der sozioökonomische Status trägt zur Entstehung von Übergewicht bei. Der Anstieg der Übergewichtszahlen bei Kindern und Jugendlichen konnte eingedämmt werden. Die Prävalenz stagniert seither aber auf einem hohen Niveau.

Bildliche Darstellung des Übergewichts von Schwangeren bei der Erstuntersuchung

  • Bei Kindern und Jugendlichen ist die durchschnittliche Aufnahme von Proteinen und Zucker zu hoch, das geht aus der Ernährungsstudie EsKiMo II (2015 – 2017) hervor. Dafür war die Zufuhr von Vitamin D, E und B12, Folat, Jod, Kalium, Calcium und Eisen zu niedrig. Dennoch ist die Nährstoffversorgung bei der Mehrheit ausreichend. Die Studie belegt des Weiteren eine sichtbare Veränderung der Ernährungssituation von Kindern und Jugendlichen seit Eskimo I (2005): Ein deutlicher Anstieg von Vegetariern wurde verzeichnet. Warme Mahlzeiten in Schulen werden heute doppelt so häufig in Anspruch genommen, unter anderem durch mehr Angebote. Zudem werden häufiger Mahlzeiten gemeinsam mit der Familie eingenommen.
  • Aus der BfR-Meal-Studie lässt sich folgern, dass durch eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung die Gefahr einer zu hohen Schwermetallaufnahme vermieden werden kann. Besonders hohe Bleigehalte weisen Muscheln, Kakaopulver, Küchenkräuter und Algen auf. Tintenfisch, Leinsamen, Kakaopulver und Sonnenblumenkerne haben oft hohe Cadmiumgehalte.
  • Die nationale Reduktionsstrategie (NRI) verfolgt ein freiwilliges Produktmonitoring durch die Lebensmittelwirtschaft bis 2025. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass Zucker-, Salz- und Fettgehalte sowie Energiegehalte in mehreren Produktgruppen verringert werden konnten.
Kapitel 2: Ernährungssituation in Krankenhäusern und Pflegeheimen – Auswertung der NutritionDay-Daten für Deutschland
Anhand des NutritionDay-Projekts wurden 2018 Daten zur Ernährungssituation in Pflegeheimen und Krankenhäusern erhoben. Die Daten zeigen eine hohe Prävalenz von Mangelernährung auf. In deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen besteht ein deutliches Defizit an ernährungsmedizinischer Fachkompetenz. Zieht man den Vergleich zu international etablierten Standards, hinkt Deutschland hinterher. Lediglich 30 % der Krankenhäuser und Pflegeheime verfügen über eine Diätassistenz, hingegen in der europäischen Vergleichsgruppe beachtliche 86 %. Nur wenige unternährte Patienten erhielten eine therapeutisch erforderliche Intervention.
Kapitel 3: Studie zur Erhebung von Daten zum Stillen und zur Säuglingsernährung in Deutschland – SuSe II
Laut der Studie SuSe II sind die Stillquoten bemerkenswert hoch (56 % für ausschließliches Stillen und 82 % für Stillen). Auch die Stillförderung im Krankenhaus, das Stillverhalten der Mütter und die Säuglingsernährung haben sich den Empfehlungen in den letzten zwei Jahrzehnten angenähert.
Kapitel 4: Vegetarische Ernährung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland – VeChi-Youth-Studie
Vegetarische und vegane Ernährung wird immer beliebter, auch in der Altersgruppe der unter 20-jährigen. Die VeChi-Youth-Studie (2017 bis 2019; 401 Teilnehmer zwischen 6 und 19 Jahren) liefert als erste Studie nun vergleichbare Daten von Lebensmittelverzehr, Nährstoffzufuhr und -versorgung der drei Gruppen von sich vegan, vegetarisch und omnivor ernährenden Kindern und Jugendlichen.
  • Lebensmittelverzehr: Veganer und Vegetarier essen im Vergleich zu sich omnivor ernährenden Kindern und Jugendlichen mehr Gemüse, Obst und Milchalternativen. Veganer essen darüber hinaus deutlich mehr Nüsse und Hülsenfrüchte als Omnivore. Omnivore verzehren viel Fleisch (Menge liegt an der empfohlenen Obergrenze von 600 g/Woche) und haben den höchsten Verzehr an Süßwaren und Knabbereien, Veganer den niedrigsten.
  • Energie- und Nährstoffzufuhr: Energiezufuhr und -dichte unterscheiden sich nicht nennenswert. Vegetarier und Veganer nehmen mehr an Kohlenhydraten, mehrfach ungesättigten Fettsäuren und Ballaststoffen zu sich. Omnivore konsumieren mehr Eiweiß (außer die Gruppe der 6- bis 10-Jährigen) und Fett. Insgesamt scheint die Proteinzufuhr bei den Veganern und Vegetariern ausreichend zu sein. Sich vegan ernährende Kinder und Jugendliche haben im Vergleich die beste Versorgung an Vitamin E, Vitamin B1, Folat, Vitamin C, Magnesium und Eisen, die niedrigste Zufuhr hingegen an Vitamin B2, Vitamin B12 und Calcium. Vitamin B12 wird bei Veganern nicht durch mit dem Vitamin angereicherte Lebensmittel in ausreichender Menge aufgenommen. Die D-A-CH-Referenzwerte für Calcium und Vitamin B2 werden von keiner der drei Gruppen erreicht.

Bildliche Darstellung der vegetarischen Ernährung bei Kindern und Jugenglichen

Kapitel 5: Prävention chronischer Erkrankungen durch Ernährung
Der DGE-Ernährungsbericht präsentiert die Ergebnisse dreier Umbrella-Reviews, die verschiedene Zusammenhänge zwischen Ernährung und diversen Erkrankungen untersucht haben:
  • Eine Bewertung der Studienlage zum Zusammenhang zwischen Obst-, Gemüse- und Fleischverzehr in Deutschland und Erkrankungen wie kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2 sowie Dickdarm- und Brustkrebs ergab: Eine pflanzenbasierte Ernährung mit geringem Anteil an Fleisch ist gesundheitsförderlich. Vor allem für verarbeitetes Fleisch und rotes Fleisch insgesamt gab es einen positiven Zusammenhang während für weißes Fleisch kein Risikozusammenhang festgestellt wurde.
  • Ein zweiter Umbrella-Review befasste sich mit der Frage, welche Rolle Vitamin D bei der Prä-vention und Therapie von Atemwegs- und Autoimmunkrankheiten sowie neurodegenerativen und psychischen Erkrankungen, einnimmt. Im Bereich der Prävention ist ein Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Status und Risiko für akute Atemwegsinfektionen (ARIs) nachweisbar. Keine eindeutigen Studienergebnisse liegen hingegen bei anderen Krankheitsbildern (Demenz, Multiple Sklerose (MS), Diabetes mellitus Typ 1, Asthma) vor. In der Therapie mit Vitamin D zeigen sich positive Effekte bei Asthma und COPD-Patienten, keine positiven Effekte hingegen bei ARIs und MS; Effekte auf schwere Depressionen müssen weiter untersucht werden.

Auflistung der Auswirkungen von Vitamin D bei verschiedenen Erkrankungen

  • In einem dritten Umbrella-Review wurde analysiert, ob Ernährung einen Einfluss auf die Entstehung von neurodegenerativen Erkrankungen hat. Es zeigte sich, dass eine mediterrane Ernährung und ein regelmäßiger Fischverzehr möglicherweise das Risiko für eine Alzheimer-Erkrankung senken. Der Genuss von Tee reduziert möglicherweise die Entwicklung von Demenz und Parkinson-Krankheit. Für andere Lebensmittelgruppen oder einzelne Nährstoffe und Vitamine konnte kein Zusammenhang gefunden werden.

Fazit aus dem 14. Ernährungsbericht der DGE

„Mehr Übergewicht trotz mehr Gemüse“

  • Zwar sind in einigen Bereichen der Ernährungsversorgung Fortschritte zu verzeichnen: Die Deutschen essen weniger Schweinefleisch und konsumieren weniger Alkohol, während der Gemüsekonsum und der Verbrauch von gesüßten Getränken zurückgeht. Zudem konnten die steigenden Übergewichtsraten bei Kindern gestoppt werden. Die Stillquoten unter Müttern sind bemerkenswert hoch – auch das ist ein wichtiger Faktor in Sachen Übergewichtsprävention und ausgewogener Ernährung, da das Stillen zu Geschmacksprägungen führt. Letztlich ernähren sich immer mehr Kinder und Jugendliche pflanzenbasiert, was bei einer gleichzeitigen Einnahme von Vitamin B12 als Supplement von der DGE positiv bewertet wird, da Umbrella-Studien belegen, dass eine pflanzenbasierte Ernährung mit weniger Fleisch gesund ist. Die Umbrella-Studien stützen also die Empfehlungen der DGE. Der Trend zum Vegetarischen wird im Rahmen der Diskussion um umweltfreundliche Ernährung von der DGE für gut befunden.
  • Dennoch legt der 14. Ernährungsbericht auch Defizite offen: So essen die Deutschen weniger Obst, Getreideerzeugnisse sowie Kartoffeln, währen der Konsum von Fleisch (ausgenommen Schweinefleisch) und Käse steigt. Die Übergewichtsraten bei Erwachsenen und vor allem bei der Gruppe der Schwangeren nehmen weiter zu und damit auch die Gefahr für Folgeerkrankungen wie Diabetes oder Herzkrankheiten. Andererseits ist in Krankhäusern und Pflegeheimen die Prävalenz von Mangelernährung erschreckend hoch.

Handlungsempfehlungen aus dem DGE-Ernährungsbericht:

  • Um den Obst- und Gemüseverzehr zu erhöhen und den Verzehr von Fleisch(waren) zu reduzieren, ist ein Maßnahmen-Mix nötig. Ernährungsbildung allein reicht nicht, es sollten Maßnahmen, die bei den Verbrauchern auf Verhaltensänderung abzielen, (wie z.B. Nudging), gewählt werden.
  • Beim Verbrauch von tierischen Produkten sollte sich der Fokus von Quantität auf Qualität verschieben, um die ernährungsphysiologischen Vorteile von tierischen Produkten zu nutzen und die negativen Wirkungen auf die Umwelt zu minimieren.
  • Um Misreporting also falsche Angaben beim Lebensmittelverzehr zu vermeiden oder zu minimieren, sollten bei zukünftigen Erhebungen zusätzliche Maßnahmen getroffen werden.
  • In der Adipositas-Prävention sollte der Fokus auf Schwangerschaft und Kindheit liegen. Hier sollte es verstärkt um Verhältnisprävention, etwa die Nährwertkennzeichnung von Lebensmitteln, die Reformulierung von Rezepturen sowie Steuerkonzepte und Werbeverbote.
  • Um die Ernährungsversorgung von Kindern zu verbessern, sind settingspezifische Bildungsmaßnahmen in Familie und Schule essenziell. So sollte etwa auf den Verzehr nährstoffdichter Lebensmittel geachtet werden, um alle Nährstoffe aufzunehmen. Dem hohen Zuckerkonsum muss entgegengewirkt werden.
  • Mütter sollten von der Geburt an durch Stillförderung im Krankenhaus unterstützt werden. Vor allem zielgruppenspezifische Bildungsangebote sollten ausgebaut werden, um Eltern mit geringer Stillmotivation und Schulbildung zu erreichen. Geburtskliniken müssen ausreichende Ressourcen für die Umsetzung von Stillfördermaßnahmen erhalten.
  • Die Qualität des angebotenen Essens in Krankenhäusern und Pflegeheimen sollte grundlegend verbessert werden, um Mangelernährung vorzubeugen. Der Ernährungszustand, etwa bei Einweisung, sollte routinemäßig erfasst werden. In Krankenhäusern sollte es vermehrt Ernährungsteams und Diätassistentinnen geben. Ernährungsmedizinische Maßnahmen sollten nach internationalen Standards durchgeführt werden. Eine verbindliche Umsetzung der DGE-Qualitätsstandards für Essen in Krankenhäusern und Reha-Kliniken wäre wünschenswert.

Empfehlungen des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE-Gutachten „Politik für ein nachhaltigere Ernährung“, 2020), die darüber hinausgehen

  • Qualitativ hochwertige und beitragsfreie Kita- und Schulverpflegung
  • Regulierung von Portionsgrößen
  • Steuern und Subventionen für eine klimafreundlich Ernährung
  • Informationskampagnen
  • Labelling z.B. in Form eines Klima-Labels
  • Mobile Applikationen, die die gesunde oder nachhaltige Wahl erleichtern sollen