Nachbericht Forum Science & Health, 05.–06. Juli 2017
Medizin der Zukunft: „System Mensch“ im Mittelpunkt – Prävention statt Intervention

Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann vonm Klinikum Augsburg, ©Bio<sup>M</sup> Biotech Cluster DeveIopment GmbH

Prof. Traidl-Hoffmann, ©BioM GmbH

Vom 5. bis zum 6. Juli 2017 lud die BioM Biotech Cluster DeveIopment GmbH Akteure aus Medizin und Gesundheitsforschung zum fachübergreifenden Forum für die Gesundheitsforschung nach Fürstenfeldbruck ein. Die Veranstaltung mit rund 300 Teilnehmenden fand im Auftrag des bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologien statt. Das Kompetenzzentrum für Ernährung war mit einem interaktiven Stand vertreten. Christine Röger, Bereichsleiterin am KErn, moderierte die Sitzung „Das System Mensch – Aufbruch in ein neues Denken“.

Das „System Mensch“ verdeutlicht, dass auch wir Menschen nicht unabhängig von unserer inneren und äußeren Umwelt betrachtet werden können. Haut, Lunge und Darm werden von vielen Billionen Bakterien bevölkert, die als Mikrobiom ein „externes Organ“ bilden und auch als unser „zweites Genom“ bezeichnet werden. Außen sind wir Umwelteinflüssen ausgesetzt, die sich wiederum auf unsere Gesundheit auswirken. Kern der Vorträge war, wie wir die neuesten Kenntnisse aus Medizin und Wissenschaft nutzen können, um nicht nur älter zu werden, sondern dies auch bei bester Gesundheit.

Darm-Mikrobiom als Hoffnungsträger für Diagnostik und Therapie

Prof. Dr. med. Matthias Willmann von der Universität Tübingen berichtete über das Darm-Mikrobiom als Hoffnungsträger für Diagnostik und Therapie. Zu den Funktionen des Darm-Mikrobioms, mit seinen Billionen Bakterien, gehören Stoffwechselfunktionen wie Vitaminsynthese, Toxin-Inaktivierung, Fermentation nicht verdaulicher Kohlenhydrate und Energiegewinnung sowie Immunfunktionen wie Immunstimulation und Schutz vor schädlichen Bakterien. Den wichtigsten Einfluss auf die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms hat die Ernährung, wobei zahlreiche andere Faktoren eine Rolle spielen und es in begrenztem Maße sogar vererbt wird. Umgekehrt hat das Darm-Mikrobiom Einfluss auf u. a. Nahrungsverwertung und Fettleibigkeit.

Einige Studien weisen darauf hin, dass das Mikrobiom den Menschen auch krank machen kann. Das Universitätsklinikum Tübingen hat daher in Zusammenarbeit mit der Firma CeMeT GmbH begonnen, das Darm-Mikrobiom von 1.000 Personen aus Tübingen zu sequenzieren – das Tübiom-Projekt. Die Ergebnisse der Studie sollen die Entwicklung neuer Therapien unterstützen, die auf pro- oder präbiotische Interventionen abzielen. Ein besseres Verständnis der Zusammenhänge zwischen Mikrobiom und Lebensstil bzw. Erkrankungen kann laut Prof. Willmann zu einer genaueren Diagnostik und einer personalisierten Therapie oder Prävention führen. Dabei setzt die Medizin vermehrt auf therapeutische Interventionen wie Prä- und Probiotika, da diese spezifischer einsetzbar sind als Stuhltransplantate.

Umwelt-Mensch-Interaktionen verstehen, um nachhaltige Gesundheit zu schaffen

Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann, vom Klinikum Augsburg, beschäftigte sich in ihrem Vortrag weniger mit der inneren, sondern mehr mit der äußeren Umwelt. Umweltfaktoren haben einen Einfluss auf chronische Erkrankungen, insbesondere der Atemwege und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zudem können Umweltfaktoren das Ablesen von Genen ein- und ausschalten und epigenetische Veränderungen an der DNA verursachen, die vererbt werden können.

Ziel der Forschungsgruppe um Prof. Dr. Traidl-Hoffmann ist es, die Umweltfaktoren zu identifizieren, die unseren Gesundheitszustand verbessern. Dazu beobachten und messen die Forscher, welche Biomarker sich unter Einfluss von Umweltschadstoffen auf welche Weise im Einzelnen verändern. Ein weiterer entscheidender Faktor für unsere Gesundheit ist auch bei Prof. Traidl-Hoffmanm das Mikrobiom, bei dem die Diversität entscheidend für unsere Gesundheit zu sein scheint. Diversität ist auch bei der Ernährung ein Schlüsselfaktor: Je vielfältiger die Ernährung insbesondere im ersten Lebensjahr, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder von späteren Allergien und Krankheiten verschont bleiben, wie Prof. Traidl-Hoffmann in ihrem Vortrag betonte. Somit sind Mikrobiom und Diversität wichtige Ansatzpunkte für Prävention.

Personalisierte Medizin der Zukunft: Ist die Diabetes-Epidemie noch zu stoppen?

Diabetes ist in den letzten Jahren nicht nur in westlich geprägten Ländern, sondern weltweit zur Volkskrankheit aufgestiegen. Prof. Dr. med. Dr. h.c. Matthias H. Tschöp vom Helmholtz Zentrum München berichtete, dass es interdisziplinären Forscherteams aus den Bereichen Chemie, Biologie, Medizin und Pharmakologie am Helmholtz Zentrum München und der Technischen Universität München gelungen ist, eine Reihe neuer Wirkstoffklassen zu entwickeln, die sich als Präzisionstherapeutika für Stoffwechselerkrankungen eignen könnten. Dazu gehören neuartige pharmakologische Kombinationsansätze, die in die Signalkommunikation zwischen dem Magen-Darm-Trakt und dem Gehirn eingreifen.

Prof. Tschöp warnte aber vor der weiterhin bestehenden Gefahr, dass die nachfolgenden Generationen bereits eine „epigenetische Umprogrammierung“ durchlaufen, verursacht von Umweltfaktoren wie hochkalorischen Lebensmitteln.

Prävention: Quo vadis im Zeitalter von -omics und personalisierter Medizin?

Diese Frage stellte Prof. Dr. Stefanie J. Klug vom Lehrstuhl für Epidemiologie an der Technischen Universität München. Bei ihrem Vortrag ging Frau Prof. Klug speziell auf eine Krankheitsart ein, Krebs, die weltweit auf dem Vormarsch ist: Zwischen 2005 und 2015 stiegen die Krebsfälle weltweit um 33 %. Die Prognose für 2030 geht von weltweit 21,6 Millionen Krebsfällen aus (im Vergleich zu 14,1 Millionen neuen Krebsfällen 2012). Dabei gehören Tabak, Alkohol und Ernährung zu den nicht-genetischen Hauptrisikofaktoren bei der Entstehung von Krebs.

Es wird geschätzt, dass 30 bis 50 % der Krebserkrankungen durch Prävention vermeidbar sind. Zum einen durch Bewegung: Frau Prof. Dr. Klug berichtete von einer deutlichen Evidenz, dass körperliche Aktivität für Darmkrebs, Brustkrebs und das Endometriumkarzinom vorbeugend wirkt. Der andere Faktor mit weitreichender Wirkung sind laut Stefanie Klug Impfungen, beispielsweise gegen Humane Papillomviren (HPV) und Hepatitis B (HBV), die jährlich 1,1 Millionen Krebsfälle verhindern könnten.

Am Ende des Vortrags fasste die Professorin die entscheidenden Faktoren bei der Prävention von Krebs kurz zusammen (basierend auf dem Europäischen Kodex zur Krebsbekämpfung und der International Agency for Research on Cancer 2014): Nicht rauchen, regelmäßige Bewegung, Vermeidung von Übergewicht, gesunde Ernährung, geringer Alkoholkonsum, Teilnahme an empfohlenen Impfungen sowie an Früherkennungsmaßnahmen und Screeningprogrammen.

KErn-Stand auf dem Marktplatz für Innovationen und Visionen

Neben den Vorträgen bot das Forum Science & Health auch einen „Marktplatz für Innovationen und Visionen“. Das KErn war hier mit einem eigenen Stand vertreten und hatte auch das Fahrradergometer „Energie erfahren“ mit dabei. Dieses führte den Teilnehmern des Forums an den beiden Tagen anschaulich vor Augen, wie viele Minuten sie auf dem Fahrrad verbringen müssten, um ein Stück Pizza, oder auch nur einen halben Apfel, vollständig zu verbrennen. Daneben bot der KErn-Stand neue Informationen zur wissenschaftlichen Studie „Gesund leben in der Schwangerschaft“ (GeliS).