Rückblick Kreativworkshop „ProWert“, 9./10. Juni 2016
Über den Tellerrand denken und gemeinsam handeln

Begrüßung Dr. Wolfram Schaecke, Leitung Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn)

Welche Handelskanäle und Verpackungskonzepte sind aus bioökonomischer Sicht nachhaltig? Welche technologischen Produkte und Dienstleistungen werden die Zukunft bestimmen? Diese und weitere Themen diskutierten fachkundige ExpertInnen gemeinsam mit Start-ups, Unternehmen und Forschungseinrichtungen am 9. und 10. Juni 2016 an der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in Freising. Veranstalter des Kreativworkshops waren das KErn sowie die Landesanstalt für Landwirtschaft.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Dr. Wolfram Schaecke, Leitung KErn, und Dr. Peter Doleschel, Leitung Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung (LfL).

Bioökonomie in Bayern

Biotechnologische Produktion von Spinnenseidefasern an der TU München oder die Grüne Bioraffinerie in Brensbach – Sebastian Kehrer, Leiter der Geschäftsstelle des Sachverständigenrates Bioökonomie Bayern, gab einen kleinen Einblick in das Themenfeld der Bioökonomie in Bayern und erklärte was sich hinter dem Begriff „Bioökonomie“ verbirgt. Der Sachverständigenrat Bioökonomie Bayern wurde auf Initiative des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF) im Jahr 2015 einberufen. Der Rat fungiert als Impulsgeber und soll einen gesellschaftlichen Dialog über das Thema Bioökonomie anstoßen.

Kehrer betonte: „Unter dem Begriff der Bioökonomie ist die energetische und stoffliche Nutzung aus Produkten aus der Natur zu verstehen. Es ist ein effizientes, nachhaltiges System und bietet Chancen, die zentralen Herausforderungen der Gesellschaft zu bearbeiten wie Klimawandel, Lebensmittel- oder auch Energiesicherheit.“

Blick über den Tellerrand: Produktideen der Bioökonomie und die Schnittstelle zur Ernährung

Simone Hörrlein vom Bereich Wissenschaft am KErn und Dr. Stephanie Mittermaier vom Fraunhofer Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) zeigten spannende Projekte aus dem Bereich der Bioökonomie. So hat beispielsweise das IVV ein Verfahren entwickelt, um Lebensmitteln Omega-3-Fettsäuren zuzugeben. Ein weitere Produktidee aus dem Bereich der Bioökonomie ist Fleischherstellung aus Pflanzenproteinen: Die Firma Beyond Meat aus den USA produziert Fleischersatzprodukte aus Pflanzenproteinen wie Soja oder Erbsen, die wie Fleisch aussehen und auch so schmecken. Ein weiteres erfolgreiches Projekt zum Thema Pflanzenprotein ist die Prolupin GmbH, eine Ausgründung des IVV, die Produkte aus Lupineneiweiß herstellt.
Dr. Stephanie Mittermaier zeigte die Arbeitsbereiche des Projektes SunPro am IVV, den nachhaltigen Anbau und neuartige Verarbeitung von Sonnenblumenkernen. In der konventionellen Verarbeitung wird aus den Sonnenblumenkernen Öl gewonnen. Das neu entwickelte Verfahren ermöglicht die Nutzung der Reststoffe. So wird die Schale als Brennstoff eingesetzt und der Presskuchen mit hohem Proteingehalt kann weiter als Lebensmittelzutat, beispielsweise als Ersatz für tierische Proteine (Ei, Milch), verwendet werden.

Impulsvorträge: Beispiele für Produktideen im Rahmen der Bioökonomie entlang der Wertschöpfungskette

Dr. Klaus Fleißner, Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung an der LfL
Dr. Klaus Fleißner, Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung an der LfL, stellte den Teilnehmern des Workshops „Pflanzengenetische Schätze aus Bayern“ vor. In seinem Projekt wurden über 600 Sorten pflanzengenetischer Ressourcen in Bayern identifiziert und Regierungsbezirken zugeordnet. Fleißner betonte, dass es nun nötig sei, die Nutzungspotenziale dieser alten Sorten zu identifizieren und nannte bereits ein positives Beispiel: Aus Champagnerroggen, einer alten Roggensorte, werden Bio-Getreidestrohhalme hergestellt.
Hans Oppliger, Geschäftsführer des Vereins Rheintaler Ribelmais
Hans Oppliger, Geschäftsführer des Vereins Rheintaler Ribelmais, zeigte am Beispiel des „Rheintaler Ribelmais“, wie es gelingen kann, eine alte Maissorte nachhaltig zu bewahren. Anfang des 20 Jahrhunderts wurde die traditionelle Maissorte nicht mehr im Rheintal angebaut, obwohl der Ribel über Jahrhunderte das Hauptnahrungsmittel der Region darstellte. Durch die Beantragung des AOP*-Qualitätssiegels und Förderung des Anbaus sowie der Vermarktung von Ribelmais-Produkten wie Tortillachips, Poularden oder Maisbier konnte diese Tradition weitergeführt werden. Oppliger betonte, dass dies erst durch übergreifende Zusammenarbeit möglich war: „Die ganze Wertschöpfungskette arbeitet zusammen und zieht an einem Strang!“
*AOP = Appellation d'origine protégé; geschützte Herkunftsbezeichnung der Schweiz. Das Siegel darf lediglich für Produkte verwendet werden, die im Ursprungsgebiet erzeugt, verarbeitet sowie veredelt worden sind.
Michael Fernandes, Technologiecampus Grafenau der Technischen Hochschule Deggendorf
Michael Fernandes vom Technologiecampus Grafenau der Technischen Hochschule Deggendorf referierte zum Thema „Dorfladen 2.0 – Online- & Direktvermarktung regionaler Lebensmittel“ und stellte die Frage in den Raum: „Erlebt der Tante-Emma-Laden als digitale Version eine Renaissance?“ Fernandes zeigte die Entwicklung des Online-Handels auf: Nach Büchern und Technologieprodukten sind nun auch Lebensmittel über Online-Shops zu erwerben. Laut Fernandes stelle der Online-Handel einen lukrativen Zukunftsmarkt mit einem hohen Wachstumspotenzial dar. Sein Fazit: Es werde immer wichtiger, dem Kunden eine Vielfalt an Zugangsmöglichkeiten anzubieten. Innovative Vertriebskonzepte müssen daher inkludiert werden.
Dr. Dr. Uwe Bölz, HPX Polymers GmbH
„Alternative Verpackungsmaterialien – Möglichkeiten durch nachwachsende Rohstoffe und kombinierten Materialeinsatz“ – hieß der Impulsvortrag von Dr. Dr. Uwe Bölz (HPX Polymers GmbH). Biopolymere können bei den Standardanforderungen an heutige Verpackungsmaterialien preislich häufig nicht mithalten. Sie können jedoch in Anlehnung an die Natur Spezialanforderungen erfüllen, die den herkömmlichen, erdölbasierten Polymeren überlegen sind. In diesen Nischen können Biopolymere aufgrund des damit erzielbaren Mehrwertes bestehen. Beispiele hierzu sind Mulchfolien, das mühsame Einsammeln der nicht mehr benötigten Schutzfolien nach der Nutzung entfällt, oder lösliche Verpackungsfolien, diese können mitsamt Inhalt wie Spritzmittel, Dünger oder Pheromone direkt ausgebracht und anschließend rückstandsfrei abgebaut werden. Je genauer die spezifischen Anforderungsprofile dabei abgedeckt werden, desto höhere Preise werden erzielt. Ein wesentlicher Punkt wird beim direkten Vergleich zwischen bioabbaubaren und klassischen Polymeren oft leider vergessen: Bei Ausbringung in die Natur werden die bioabbaubaren Polymere recht schnell von Mikroben „entsorgt“.
Prof. Dr. Werner Kunz, Universität Regensburg
In dem Vortrag „Anbau und Verwertung von Nutzpflanzen zur Erzeugung hochwertiger Materialien“ schilderte Prof. Dr. Werner Kunz (Universität Regensburg) seine Vision von der bayerischen Landwirtschaft: ein integrierter Ansatz mit hoher Wertschöpfung und der Orientierung an moderner Spitzentechnologie. Heutzutage dominieren Subventionen in der Landwirtschaft, die Stoffströme werden kaum vernetzt. Kunz verwies auf einige Pflanzen mit hohem Wertschöpfungspotenzial wie die Schwertlilie (als Basisstoff für Parfüm) oder Vetivergras, Indisches Basilikum sowie Patschuli, die als pharmakologisch interessant gelten. Er forderte zudem eine staatliche Förderung zum Aufbau einiger exemplarischer Wertschöpfungsketten sowie eine zeitlich begrenzte Anschubfinanzierung für die Umsetzung. „Unser Traum ist es, dass die bayerische Landwirtschaft 50 % ihrer Wertschöpfung auf 5 % ihrer Anbaufläche erwirtschaftet“, schloss Kunz.
Dr. Katja Riedel, BRAIN AG
„Gesunde Ernährung – Naturstoffe aus dem Werkzeugkasten der Natur zur Zucker- und Salzreduktion in Lebensmitteln“ – war der Vortrag von Dr. Katja Riedel von der BRAIN AG betitelt. Sie stellte ein Projekt des Unternehmens aus dem Bereich Ernährung vor: Salz, Zucker und Fett sollen mit Stoffen aus der Natur ausgetauscht werden, um gesündere Lebensmittel herzustellen. Diese bioaktiven Ersatzstoffe werden mit Hilfe von naturgetreuen Modellen für Geschmack gesucht – beispielsweise wird nach Süßersatzstoffen mit Süßzellen geforscht.

Gruppenarbeit

Nach den vielseitigen Vorträgen arbeiteten die Workshop-Teilnehmer in Gruppen weiter, um eigene Produktideen aus dem Bereich Bioökonomie entlang der Lebensmittel-Wertschöpfungskette zu entwickeln. Am Abend präsentierten die Gruppen ihre Ergebnisse im Plenum und ließen den Tag bei Gesprächen mit Netzwerkpartnern ausklingen.

Tag 2: Von der Produktidee zum möglichen Geschäftsmodell

Von Forschungsergebnissen und Kundennutzen: Die Value Proposition Canvas

Was bedeuten Innovationen? Wann ist ein Produkt erfolgreich? Bianca Zwiebler-Schmalz von der UnternehmerTUM Garching wies die Workshop-Teilnehmer in die Value Proposition Canvas ein, mit deren Hilfe erfolgreiche Geschäftsinnovationen entwickelt werden können. „Wir müssen ein Verständnis dafür entwickeln, was der wirkliche Kundenbedarf ist“, hob Zwiebler-Schmalz hervor. „Erfolg zeigt sich letzten Endes, wenn der Kunde das Produkt kauft.“ Nach dem Theorieteil arbeiteten die Teilnehmer weiter an den am Vortag entwickelten Ideen.

Gemeinwohlorientiertes Unternehmertum

Wie gemeinwohlorientierte Unternehmen aufgebaut werden können, veranschaulichte Joscha Lautner, Gründer des Impact Hubs Munich. Er ist ein Teil einer internationalen Bewegung, die sozial ausgerichtetes Wirtschaften etablieren und fördern möchte. Auch das Handeln und Wirken des Unternehmens selbst ist gemeinwohlorientiert: In der Lieferkette werden regionale, ökologische und soziale Aspekte berücksichtigt.

Finanzierung und Fördermöglichkeiten für innovative Produkte

Dr. Mike Mattner, MRM International
Crowdfunding, Business Angel-Netzwerke, Venture Capital Gesellschaften – Dr. Mike Mattner von MRM International zeigte unterschiedliche Möglichkeiten zur Finanzierung junger Unternehmen auf. Die Teilnehmer erhielten zugleich Rückmeldungen zu ihrer Produktidee, beispielsweise wie die Anschubfinanzierung aussehen sollte, in welcher Größenordnung Projekte finanziert werden und vieles mehr.
Andrea Spangenberg, Bereich Wissenschaft und Kommunikation am KErn
Einen Einblick in die zahlreichen Förderprogramme auf EU-, Bundes- und bayerischer Landesebene gab Andrea Spangenberg, Bereich Wissenschaft und Kommunikation am KErn. „Für fast alle Finanzierungsziele, sei es Forschung und Entwicklung (F&E), Unternehmensgründung oder konkrete Produktentwicklung, gibt es passende Förderprogramme“, betonte Spangenberg und stellte eine Auswahl aus dem KErn-Förderratgeber „Food Innovation“ vor.

"Food Innovation" – Förderleitfaden für Forschung und Entwicklung

Dr. Ulrike Pogoda de la Vega, Projektträger Jülich
„Eine einfache Fördermöglichkeit für originelle und neuartige Ideen auf dem Sektor der Bioökonomie stellt der Ideenwettbewerb ‚Neue Produkte für die Bioökonomie‘ des BMBFs dar“, bekräftigte Dr. Ulrike Pogoda de la Vega, Projektträger Jülich. Pogoda de la Vega erklärte das Antragsverfahren und machte auf den vorerst letzten Stichtag für das Einreichen der Ideenskizze aufmerksam. So können noch bis zum 15. August 2016 Skizzen beim Projektträger Jülich eingereicht werden.

Zur Bekanntmachung des BMBFs von Förderrichtlinien für den Ideenwettbewerb "Neue Produkte für die Bioökonomie" Externer Link

Am Ende der Veranstaltung konnten sich Teilnehmer erneut austauschen. Individuelle Beratungen zu Finanzierungsmöglichkeiten wurden ebenfalls angeboten.

Impressionen zum Kreativ-Workshop ProWert

Aus dem Magazin "Schule und Beratung" (SuB)

Kreativworkshop zur Bioökonomie von KErn und LfL

Welche Handelskanäle und Verpackungskonzepte werden unsere Zukunft prägen und sind aus bioökonomischer Sicht nachhaltig? Welche neuen technologischen Produkte und Dienstleistungen können wir in den nächsten Jahren erwarten? Wie könnten ursprüngliche Kulturarten aus Bayern nicht nur überleben, sondern wieder auf den Teller kommen? Diese und weitere Fragen diskutierten fachkundige Experten gemeinsam mit Start-ups, Unternehmen und Forschungseinrichtungen im Juni 2016 beim Kreativworkshop zur Bioökonomie „ProWert“ in Freising. Mehr