Steuerabgaben, Nudging & Co.
Herausforderung Adipositas

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Es ist nicht so einfach, wie es scheint: Ausgewogene Ernährung, genügend Bewegung – und das Gewicht wird reduziert und langfristig stabilisiert. Zahlreiche Maßnahmen zur Therapie und Verhaltensprävention des Übergewichts und der Adipositas sind nicht nachhaltig. Betroffenen fällt es schwer, eine Verhaltensänderung durchzuführen. Neuartige präventive Maßnahmen und Interventionsstrategien sind nötig, um der Zunahme von Übergewicht und Adipositas entgegenzuwirken.

Großbritanniens Regierung hat eine Zuckersteuer angekündigt: Hersteller von Softdrinks würden je nach Höhe des Zuckeranteils für Produktion oder Import Steuern zahlen. Durch die Einnahmen wird der Sportunterricht in Grundschulen gefördert. Die geplante Steuer ist zweistufig angesetzt: eine Steuer für süße Getränke ab fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter und eine weitere für mehr als acht Gramm. Die Maßnahme tritt 2018 in Kraft, sodass die Unternehmen ausreichend Zeit zur Anpassung des Zuckergehalts haben. Reine Fruchtsäfte und Getränke auf Milchbasis sind von der Steuer ausgenommen, ebenso kleine Hersteller. Grund für die Einführung der Steuerabgabe: Die Bevölkerung wird immer dicker. Bieten staatliche Regularien eine Lösung? Welche Interventionen der Prävention und Gesundheitsförderung sind effektiv?

Paradigmenwechsel: Kombination von Verhaltens- und Verhältnispräventionsmaßnahmen

In Deutschland sind 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen übergewichtig; 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen leiden an Adipositas. Adipositas ist mit vielen Erkrankungen assoziiert und mit hohen Kosten für das Gesundheitswesen verbunden. Die Ursachen der Adipositas sind sehr vielfältig: In Frage kommen Umwelt-, biologische und psychosoziale Faktoren. Zahlreiche Studien zeigen, Maßnahmen, die allein auf das Verhalten der Patienten und die Eigenverantwortung abzielen, sind häufig nicht nachhaltig wirksam. Eine Kombination aus Maßnahmen der Verhaltens- und Verhältnisprävention wird von Experten als notwendig angesehen, um Effekte zu erzielen!

Die verhältnispräventiven Maßnahmen zielen auf das Umfeld ab und beeinflussen die Lebensbedingungen der Menschen.

Mehr zum Thema beim Seminar am 29. Juni 2016 in München

Wissenschaftsseminar "Gewichtsmanagement – eine runde Sache"

Gewichtsmanagement betrifft einen Großteil der Bevölkerung das gesamte Leben lang – den einen mehr, den anderen weniger. Die Wissenschaft beschäftigt sich intensiv mit den Hintergründen und den Ansätzen, wie der "Volkskrankheit" Adipositas begegnet werden kann, bzw. wie man sie gar nicht erst entstehen lässt. Nicht nur die Betroffenen sind oftmals verwirrt, welche Diät oder Ernährungsweise zum Wunschgewicht führen könnte. Mehr

Steuer auf ungesunde Lebensmittel – eine wirksame Präventionsstrategie?

In einigen Ländern wurden bereits erhöhte Steuerabgaben auf sehr zuckerhaltige oder fette Lebensmittel und Getränke als verhältnispräventive Maßnahme eingeführt. So sind in Frankreich, Ungarn und Finnland nach Einführung einer Steuer die Absatzzahlen dieser Lebensmittelgruppen zurückgegangen: Frankreich berechnet pro Liter 0,72 € zusätzlich auf Getränke mit extra Zucker oder Süßstoff. Ungarn schlägt 0,04 € auf den Preis von Lebensmitteln auf, die sehr hohe Fett-, Zucker- und Salzgehalte haben.
Laut einer Analyse zur Besteuerung fett- und zuckerhaltiger Lebensmittel, durchgeführt von der British Heart Foundation Health Promotion Research Group, kann eine Sondersteuer durchaus sinn- und wirkungsvoll sein. So sollten mindestens 20 % Steuern veranschlagt werden, um Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen signifikant zu verringern. Vergünstigungen auf gesunde Produkte wie Obst und Gemüse können sich zusätzlich positiv auswirken und die Besteuerung sollte bestenfalls eine weitgefasste Produktgruppe umfassen.
Das Verbot von Werbung für Kinderlebensmittel – in Deutschland von vielen Experten und Verbänden gefordert – scheint auch eine effektive Maßnahme zur Adipositasprävention zu sein. Irland und Schweden beschränken an Kinder gerichtete Fernsehwerbung. 2007 verpflichteten sich zudem einige Unternehmen in der EU-Pledge, Kinderlebensmittel an Kinder unter 12 Jahren nicht zu bewerben. Die freiwillige Selbstverpflichtung wird jedoch von vielen Fachgesellschaften und Verbraucherzentralen kritisiert, so sollten beispielsweise die Nährwertgrenzen, wonach ein Produkt als ungesund eingestuft wird, enger gezogen werden.

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Adipositasprävention – eine (ge)wichtige Herausforderung

Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), und Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. (BLL), diskutieren kontrovers über Strategien zur Bekämpfung von Übergewicht und Adipositas. Mehr

Nudging – der Weg zu einer gesünderen Ernährung?

Der Einsatz von Nudging-Maßnahmen in der Gemeinschaftsverpflegung ist ebenfalls ein neuartiger Ansatz zur Adipositasprävention. Dieses Konzept ist auch als „smarter Lunchroooms“ bekannt. So kann durch die strategische Platzierung bestimmter Speisenangebote, etwa in Schulkantinen, ein gesünderes Essen gefördert werden. In einer Studie von Hanks et al. (2012) wurde eine von zwei Essensausgaben so angeordnet, dass nur gesündere Speisenangebote entlang der Warteschlange präsentiert wurden. Daraufhin stieg in der veränderten Warteschlange der Verkauf der gesünderen Speisen um 18 % und die Menge (in g) der weniger gesunden Angebote sank um 28 %. Durch eine erschwerte Zugänglichkeit zu bestimmten Speisen, wie etwa durch einen längeren Weg oder den Austausch des Servierbestecks, kann die Auswahl ungesunder Speisen um 8 bis16 % reduziert werden.
In einer Studie von Schwartz et al. (2012) befragte das Personal eines chinesischen Fast-Food Restaurants die Kunden bei ihrer Bestellung, ob diese die Portionsgröße der Beilagen reduzieren möchten. Dieses Angebot nahmen 14 bis 33 % der Kunden an. Dabei kompensierten sie die geringeren Portionsgrößen der Beilagen nicht durch ein anderes Angebot. Im Durchschnitt wurden somit 200 kcal weniger verzehrt.

Sind neuartige Maßnahmen und Konzepte die Lösung?

Offenkundig können Maßnahmen, allein an das Verhalten der Menschen gerichtet, die Inzidenz und die Prävalenz von Adipositas nicht senken. Sind Steuern auf Lebensmittel, die sehr hohe Fett-, Zucker- und Salzgehalte haben, eine Lösung? Eine Abgabe scheint sinnvoll zu sein, sollte jedoch nicht auf eine einzige Lebensmittelgruppe wie Getränken beschränkt werden. Getränke alleine sind nicht für Übergewicht und Fettleibigkeit verantwortlich, zu berücksichtigen sind auch beispielsweise andere Produkte mit ungünstigem Nährstoffprofil. Nachhaltiger als eine Zuckersteuer wäre demnach eine Überarbeitung der Lebensmittelrezepturen, was einen politisch-gesellschaftlichen Diskurs erfordert. Darüber hinaus ist eine umfassende Ernährungsbildung – die auch über Inhaltsstoffe und deren Wirkungen zielgruppenspezifisch aufklärt – wichtig.
Die Nahrungsaufnahme ist ein primär vom Unterbewussten geregelter Prozess, der nur durch eine eingeübte bewusste Reflexion in eine andere Richtung gesteuert werden kann.
Es bedarf noch weiterer Forschung, um die Wirksamkeit von neuartigen Maßnahmen wie Nudging zu untersuchen. Die Schaffung einer gesundheitsförderlichen Umgebung, eines gesunden Lebensstils sind gesamtgesellschaftliche Aufgaben und erfordert einen Dialog aller beteiligten Akteure aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik!

Literatur

Chudá T, Janský P(2016): The impact of a fat tax: progressive in health, but regressive in income? Prague Economic Papers (Impact Factor: 0.5). 01/2016

Effertz T (‎2014): Effektive Prävention von Adipositas durch. Kindermarketingverbote und. Steuerstrukturänderungen. Präv Gesundheitsf 2014

Hanks S, Just R, Smith E, Wansink B (2012): Healthy Convenience: Nudging Students Toward Healthier Choices in the Lunchroom, J Public Health (Oxf). 2012 Aug; 34 (3): 370-6

Mytton O, Clarke D, Rayner M (2012): Taxing unhealthy food and drinks to improve health. BMJ (online) 344(may15 2):e2931.

Rozin P, Scott S, Dingley M, Urbanek J K, Jiang H, Kaltenbach M (2011), Nudge to nobesity I: Minor changes in accessibility decrease food intake, Judgment and Decision Making. Judgment and Decision Making, Vol. 6, No. 4, June 2011, pp. 323–332

Schwartz J, Riis J, Elbel B, Ariely D (2012): Inviting Consumers To Downsize Fast-Food Portions Significantly Reduces Calorie Consumption, Health Affairs, 31, no.2 (2012):399-407

Torjesen I (2015): BMA calls for 20% sugar tax to subsidise cost of fruit and vegetables. BMJ 2015;351:h3803

Weltgesundheitsorganisation (Hrsg.) (2007): Die Herausforderung Adipositas und Strategien für ihre Bekämpfung in der Europäischen Region der WHO: Zusammenfassung