Kontrovers diskutiert
Pro und Kontra vegane Ernährung

Vegane Ernährung liegt im Trend. Doch bei den Fachexperten scheiden sich die Geister. Einerseits stehen Mangelernährung und Unterversorgung im Vordergrund, andererseits bietet die fleischlose Kost zahlreiche ökologische Vorteile.

Prof. Dr. Hans Hauner ist seit 2003 Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin und Leiter des gleichnamigen Lehrstuhls an der Technischen Universität München. Er diskutiert zu dem Thema vegane Ernährung kontrovers mit Prof. i. R. Dr. Claus Leitzman.
Interview Prof. Hans HaunerZoombild vorhanden

Prof. Dr. Hans Hauner;
Foto: EKFZ für Ernährungsmedizin der TU München

Kontra vegane Ernährung: Prof. Dr. Hans Hauner
Der fachliche Schwerpunkt von Prof. Dr. Hauner liegt bei der Erforschung von ernährungsmitbedingten chronischen Krankheiten wie Adipositas und Typ 2 Diabetes. Der Wissenschaftler spricht sich gegen eine einseitige vegane Ernährungsform aus.

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Interview Prof. Claus LeitzmannZoombild vorhanden

Prof. Dr. Claus Leitzmann;
Foto: privat

Pro vegane Ernährung: Prof. Dr. Claus Leitzmann
Der Gießener Ernährungswissenschaftler Prof. i. R. Dr. Claus Leitzmann ist der Überzeugung, dass eine vegetarische Vollwerternährung aus ethischen Gründen die einzig vertretbare Ernährung ist. Dabei ist wichtig, dass Veganer über ihre Ernährungsweise genügend aufgeklärt sind oder sich professionell beraten lassen.

Befürworten Sie die vegane Ernährungsweise?

Kontra vegane Ernährung Prof. Dr. Hans Hauner:
Als Regelernährung über einen längeren Zeitraum würde ich diese einseitige Ernährungsform nicht befürworten. Bei dieser Ernährungsweise sind viele Präventivmaßnahmen zu beachten, um eine ausreichende Versorgung mit allen benötigten Nährstoffen sicherzustellen. Im Hinblick auf die Umsetzung einer Weltanschauung, welche die Schonung der natürlichen Ressourcen und den Tierschutz im Blick hat, stimme ich dieser inhaltlich zu.
Pro vegane Ernährung Prof. Dr. Claus Leitzmann:
Seit über 40 Jahren befürworte ich die vegetarische Variante der Vollwert-Ernährung, berate aber gerne Veganer darüber, wie sie ihre Ernährung optimal gestalten können. Vegane Ernährung ist nicht nur eine Kostform sondern ein Lebensstil. Veganer essen weder Fleisch noch Fisch und verzichten auch auf Milch, Eier und Honig. In Anbetracht des Hungers auf der Welt und des Klimawandels ist diese Ernährungsform mehr als eine Weltanschauung, sie ist verantwortungsvoll. Ich befürworte diese Ernährungsform nur für Menschen, die sich ausreichend informiert haben und professionell beraten lassen.

Sehen Sie gesundheitliche Risiken durch eine vegane Ernährung?

Kontra vegane Ernährung Prof. Dr. Hans Hauner:
Ich sehe vor allem erhebliche Probleme bei der Versorgung mit Vitamin B12. In diesem Zusammenhang rate ich dringend zu Supplementen oder zu weiteren angereicherten Lebensmitteln. Problematisch ist auch der notwendige Jodbedarf, der sich nicht allein durch Jodsalz decken lässt. Zudem zeigen Analysen eine Minderversorgung an Kalzium und Zink bei einer rein veganen Ernährungsweise. Daher empfehle ich eine regelmäßige ärztliche Überprüfung des Nährstoffhaushalts.
Pro vegane Ernährung Prof. Dr. Claus Leitzmann:
Für konsequente Veganer, die diese Ernährung langfristig durchführen, kann es gesundheitliche Risiken geben. Deshalb ist eine ausreichende Aufklärung der Veganer entscheidend. Wer sich beraten lässt und ausreichend informiert, kann einem potentiellen Mangel an Eisen, Kalzium, Jod oder Vitamin B12, gegebenenfalls mit angereicherten Produkten, vorbeugen. Eine Ernährung mit pflanzlichen Lebensmitteln kann gesundheitliche Risiken reduzieren, wenn auch bekannt ist, welche Nährstoffe in welchem Nahrungsmittel enthalten sind. Eine Deckung des Eisenbedarfs kann zum Beispiel auch über die Kombination von pflanzlichen Lebensmitteln wie Vollkorngetreide, Nüsse oder Hülsenfrüchte erfolgen.

Was halten Sie von Nahrungsergänzungsmitteln? Sind diese bei einer veganen Ernährung sinnvoll?

Kontra vegane Ernährung Prof. Dr. Hans Hauner:
Besonders die Vitamin B12-Speicher von sich jahrelang vegan ernährenden Frauen, die dann ihre Kinder stillen, können für eine optimale Vitaminversorgung nicht mehr ausreichend sein. Besonders kritisch ist, dass es in diesen Fällen auch keine Warnzeichen bei einem vorliegenden Mangel gibt. Vor allem in Deutschland lehnen viele Veganer die zusätzliche Nahrungsergänzung durch Supplemente ab, da es ihnen nicht naturgemäß erscheint. In Amerika zum Beispiel stehen generell wesentlich mehr Supplemente und mit Vitamin B12 angereicherte Lebensmittel zur Verfügung, die US-Bevölkerung nützt diese auch aktiv. Ebenso sollte eine ausreichende Versorgung mit Eisen berücksichtigt werden. Eisen findet sich nahezu in jedem Lebensmittel. Entscheidend ist jedoch die Verfügbarkeit von Eisen. In Produkten tierischer Herkunft ist das dort enthaltene Häm-Eisen besser verfügbar als das Nicht-Häm-Eisen aus pflanzlichen Quellen. Das Vitamin C in einem Glas Orangensaft steigert aber die Aufnahme von Eisen aus Haferflocken schon bis um das 4fache, sodass bei Veganern prinzipiell eine ausreichende Eisenversorgung möglich ist.
Pro vegane Ernährung Prof. Dr. Claus Leitzmann:
Grundsätzlich halte ich nicht viel von Nahrungsergänzungsmitteln, denn eine vollwertige Ernährung deckt den Nährstoffbedarf ausreichend ab. Für Veganer, die ihre Ernährungsform über viele Jahre konsequent praktizieren, ist eine zusätzliche Vitamin B12-Quelle erforderlich. Dieses können angereicherte Produkte oder Supplemente sein. Fermentierte Lebensmittel wie zum Beispiel Sauerkraut, Kefir oder auch Bier enthalten zwar Spuren an Vitamin B12, die aber sehr unzuverlässige Quellen sind. Bei Veganern, die sich vollwertig ernähren und auf eine Zufuhr von Vitamin B12 achten, überwiegen die genannten gesundheitlichen und gesamtgesellschaftlichen Vorteile deutlich gegenüber einer tierischen Ernährung.

Welche Aussagen kann die Wissenschaft heute über vegane Ernährung machen?

Kontra vegane Ernährung Prof. Dr. Hans Hauner:
Bedauerlicherweise liegen uns derzeit nur wenige und meist nur kleinere Interventionsstudien zur veganen Ernährung im Vergleich zu anderen Kostformen vor. Es ist aber erfreulich, dass sich jetzt die Ernährungswissenschaft stärker für dieses Thema interessiert und mehr Forschungsaktivitäten sichtbar sind. Es ist daher zu erwarten, dass die Datenlage bald deutlich besser wird.
Pro vegane Ernährung Prof. Dr. Claus Leitzmann:
Eine Reihe wissenschaftlicher Studien belegen die Vorteile einer veganen Ernährungsweise. Es sind vor allem Ergebnisse, der bereits seit den 1970er Jahren laufenden Adventisten-Studie aus Kalifornien sowie der EPIC-Oxford-Studie über 2000 Veganern unter der Leitung von Professor Key. Die aktuelle Auswertung der Adventist Health Study-2 beweist den gesundheitlichen Nutzen dieser Ernährungsform und belegt, dass bei Veganern die mittlere Aufnahmerate der meisten Nährstoffe über dem täglichen Mindestbedarf liegt. Kritische Nährstoffe sind Zink, Omega-3-Fettsäuren, Vitamin B2 und besonders Vitamin B12. Eisen, Kalzium, Jod, Vitamin D und Vitamin B12 sind in der Gesamtbevölkerung problematisch.

Die DGE rät zu einer vollwertigen Ernährung. Welche Nach- und Vorteile sehen Sie durch eine vegane Ernährung?

Kontra vegane Ernährung Prof. Dr. Hans Hauner:
Meiner Einschätzung nach gibt es zu viele Anhänger, die diese Ernährungsform einfach sorglos ausprobieren, ohne sich des Risikos einer möglichen Nährstoffunterversorgung bewusst zu sein. Der erforderliche Nährstoffbedarf lässt sich bei einer rein veganen Ernährungsweise nicht allein durch die pflanzliche Kost decken. Dadurch kann es beispielhaft auch zu einer Minderversorgung an Kalzium und Zink kommen. Nüsse und Spinat – aber auch verschiedene Mineralwässer – können hier eine nützliche Kalziumquelle bieten. Ebenso können in diesem Fall auch Supplemente eine wirksame Ergänzung darstellen.
Pro vegane Ernährung Prof. Dr. Claus Leitzmann:
Ganz gleich, welche der Volkskrankheiten untersucht werden – sei es Diabetes, Bluthochdruck und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs – die Veganer zeigen beim Krankheitsverlauf im Durchschnitt immer eine positivere Entwicklung als die Nicht-Veganer. Allein durch den Verzicht auf Fleisch und Wurstwaren nehmen die Veganer deutlich weniger gesättigte Fettsäuren und Cholesterin auf. Ich gehe davon aus, dass die DGE – die noch vor 30 Jahren auch der Vollwert-Ernährung gegenüber eine kritische Haltung zeigte – bald auch die vegane Ernährung mit den entsprechenden Hinweisen empfehlen wird, wie sie bereits heute die vegetarische Ernährung befürwortet.

Ist Veganismus für alle gleichermaßen geeignet? Welche Auswirkungen kann vegane Ernährung während einer Schwangerschaft haben?

Kontra vegane Ernährung Prof. Dr. Hans Hauner:
Besonders kritisch sehe ich eine ausreichende Proteinversorgung vor allem für ältere Menschen. Hier wäre ich vorsichtig und würde zusätzlich zumindest Milcheiweiß empfehlen. Besonders kritisch ist auch die Zeit während einer Schwangerschaft und Stillphase – wenn im Körper die Grundlagen für die weitere Entwicklung des Fötus beziehungsweise Kindes angelegt werden. Hier warne ich dringend vor einer einseitigen veganen Kost. Bei einer veganen Ernährungsweise ist zu diesem Zeitpunkt das Risiko, dass sich aufgrund eines Vitamin B12-Mangels schwere neurologische Störungen entwickeln, besonders hoch. In der Pädiatrie werden immer wieder Kleinkinder mit Wachstumsstörungen und neurologischen Beeinträchtigungen aufgrund von Vitamin B12-Mangel gesehen, sodass vor allem schwangere Frauen, die sich schon länger vegan ernähren, Supplemente einnehmen sollten. Sinnvoll ist gegebenenfalls auch den Vitamin B12-Status bestimmen zu lassen (Messung von holo-Transcobalamin II und Methylmalonsäure im Blut). Bei einer veganen Ernährung im Kleinkindalter ist ebenfalls auf die kritischen Nährstoffe Vitamin B12, Jod, Kalzium und eventuell weitere zu achten.
Pro vegane Ernährung Prof. Dr. Claus Leitzmann:
Ja, die vegane Ernährung ist für alle geeignet – auch für Kinder und Schwangere, sofern die Betroffenen ausreichend beraten wurden, und sich hinreichend genau mit dieser Ernährungsform auskennen.

Wie beurteilen Sie Tofu, Soja und Seitan als Alternative zu Fleisch?

Kontra vegane Ernährung Prof. Dr. Hans Hauner:
Vor allem Soja-Proteine können in ihrer Zusammensetzung durchaus mit tierischem Eiweiß konkurrieren. Geschickt und abwechslungsreich kombiniert mit anderen pflanzlichen Lebensmitteln ist damit eine gute Eiweißversorgungsform problemlos möglich.
Pro vegane Ernährung Prof. Dr. Claus Leitzmann:
Die Pflanzenwelt bietet genügend Möglichkeiten, sich vegan vollwertig zu ernähren. Hülsenfrüchte und Getreide liefern uns wertvolle Proteine. Obwohl die biologische Wertigkeit einzelner pflanzlicher Proteine nicht ganz so gut ist wie einzelne Proteine tierischen Ursprungs, wird dieser Nachteil durch die Kombination der unterschiedlichen Nahrungsmittel, die im Laufe des Tages verzehrt werden, ausgeglichen.

Ist Veganismus nur ein derzeitiger Trend oder wie wird sich diese Ernährungsweise Ihrer Meinung nach entwickeln?

Kontra vegane Ernährung Prof. Dr. Hans Hauner:
Sich vegan zu ernähren, ist momentan ein aktueller Trend. Diese Ernährungsform ist jedoch zu restriktiv und einseitig, um langfristig in der Bevölkerung größeren Erfolg zu haben – nicht zuletzt auch dadurch, weil man sich durch diese Ernährungsüberzeugung von bestimmten sozialen Aktivitäten ausnimmt. Die „liberalere“ vegetarische Ernährungsform hat meines Erachtens deutlich bessere Chancen, sich auch in der Zukunft zu etablieren, was aus ökologischen Gründen wünschenswert wäre.
Pro vegane Ernährung Prof. Dr. Claus Leitzmann:
Die vegane Ernährung, wird nicht von kurzer Dauer sein, sie wird weiterhin zunehmen und sich vielleicht zur größten alternativen Ernährungsform entwickeln. Obwohl der Fleischkonsum weltweit zunimmt, wird er bei uns zukünftig weiterhin abnehmen. Aus ethischen, ökologischen und gesundheitlichen Gründen wird der Verzehr tierischer Produkte langfristig auch weltweit zurückgehen.

Der Vegankoch und Buchautor Attila Hildmann hat mit "Vegan for Fit" ein Millionenpublikum erreicht und zeigt: vegane Ernährung ist einfach. Was würden Sie Herrn Hildmann sagen?

Kontra vegane Ernährung Prof. Dr. Hans Hauner:
Herr Hildmann nutzt den veganen Ernährungstrend sehr geschickt und hat offensichtlich ein erfolgreiches Geschäftsmodell entwickelt. Er versteht es sehr gut, das Thema in der Öffentlichkeit einfach und positiv darzustellen. Ich finde das gut, auch wenn die „6-Pack“-Bauchmuskeln sicher nicht von der veganen Ernährung stammen, sondern im Fitness-Studio antrainiert wurden.
Pro vegane Ernährung Prof. Dr. Claus Leitzmann:
Da es bei den Köchen vornehmlich um den Geschmack geht, sage ich: Weiter so Attila, Sie machen das richtig gut.

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