Kontrovers diskutiert
Wie lässt sich die Zukunft „vorhersagen“?

Welche Herausforderungen werden die Ernährungsbranche zukünftig umtreiben? Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen Trendprognosen und Zukunftsszenarien? Dr. Alexander Fink, Gründungsinitiator und Vorstandsmitglied der Scenario Management International AG (ScMI), und Stephan Becker-Sonnenschein, Geschäftsführer der Kommunikationsagentur BESO & Partner und ehemaliger Geschäftsführer des Vereins Die Lebensmittelwirtschaft, geben Antworten auf diese Fragen.

Porträtfoto von Dr. Alexander Fink

Dr. Alexander Fink, Bild: ScMI

Dr. Alexander Fink
studierte Wirtschaftsingenieurwesen und promovierte über szenariogestützte Unternehmensführung am Heinz Nixdorf Institut. Er ist Gründungsinitiator und Vorstandsmitglied der Scenario Management International AG (scMI) und verfügt über langjährige Erfahrung bei der strategischen Beratung von Industrie- und Dienstleistungsunternehmen.
Porträtfoto von Stephan Becker-Sonnenschein

Stephan Becker, Sonnenschein, Bild: Becker-Sonnenschein

Stephan-Becker Sonnenschein
hat Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert, ist Gründer und Geschäftsführer der Kommunikationsagentur BESO & Partner, war zuvor über mehrere Jahre Geschäftsführer des Vereins Die Lebensmittelwirtschaft und veranstaltet im November 2017 den Global Food Summit in Berlin.

In der Zukunftsforschung ist häufig von Trends oder gar Mega-Trends die Rede. Bei den Zukunftstagen stehen aber Szenarien im Mittelpunkt. Was sind denn nun Trends, Mega-Trends und Szenarien?

Dr. Alexander Fink:
Beim Umgang mit der Zukunft versuchen wir traditionell, unsere Erfahrungen zu nutzen und schreiben die Zukunft aus der Vergangenheit fort. Solche Extrapolationen führen häufig zu Fehlprognosen – oder wie Albert Einstein sagte: „Planung ersetzt Zufall durch Irrtum“. Wir müssen also den Rückspiegel umklappen und stattdessen Veränderungen (man sagt auch: Trends) erkennen und berücksichtigen. Das dafür genutzte Instrumentarium ist vielfältig, was allein an den geläufigen Begriffen wie Trendforschung, Trendmanagement, Trendanalyse, Trendradar oder Trendportfolio deutlich wird. Doch auch hier gibt es eine Vielzahl von Beispielen die zeigen, wie selbst renommierte Experten (und Trendforscher!) die Zukunft nicht nur nicht exakt vorhersagen konnten, sondern zentrale Strukturbrüche überhaupt nicht berücksichtigt hatten. Genau an dieser Stelle kommen nun Szenarien ins Spiel, die nicht nur eine, sondern mehrere „Zukünfte“ betrachten.
Stephan Becker-Sonnenschein:
Hier könnte man frei nach Mark Twain antworten: "Prognosen sind äußerst schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen“. Manche schreiben dieses Zitat auch Niels Bohr oder Winston Churchill zu. Wer immer es sagte: unter diesen Vorbehalt müssen wir einfach alle Aussagen über die Zukunft stellen. Vielleicht ganz kurz zum Unterschied zwischen Trend und Szenario: Ein Szenario ist eher eine episodische Handlungsabfolge, die aus verschiedenen Blickwinkeln dargestellt wird, um Zusammenhänge zu verstehen. Trends sind dagegen eine grundsätzliche Veränderungsbewegung in eine bestimmte Richtung. Deshalb möchte ich hier von drei Trends reden, die derzeit die Welt bewegen, da sie sich grundsätzlich abzeichnen:
  1. Gesundheit,
  2. Technologische „Speed Evolution“ und
  3. Nachhaltigkeit.
„Selbstoptimierung, um gesund alt zu werden“ wird von WHO, FAO, UNO, von Politik, Forschung und Gesellschaft weltweit befeuert. Dabei steht Ernährung für die Gesundheitsdiskussion im Mittelpunkt. Im globalen Norden sollen die positiven Aspekte für ein gesundes Altern befördert werden; in den Schwellenländern aber auch eine Welt ohne Hunger eingeläutet werden. „Speed Evolution“, also disruptive Innovationen im Digitalen oder in der Biotechnologie werden die Lebensmittelbranche grundlegend verändern. Personalisierte Ernährung wird durch Industrie 4.0 erst möglich und massentauglich. Genom-Editierung wird die Züchtungsmethoden bei pflanzlichen und tierischen Produkten beschleunigen. Wir werden wissen, welche DNA-Dispositionen bei Menschen bei der Ernährung berücksichtigt werden können oder sogar müssen. Es wird lebensverlängernd sein.

Wir alle – oder fast alle – werden in 30 Jahren in Megapolen leben. Umso stärker wird die Nachhaltigkeit in der Prozesskette der Lebensmittel sein. Die 17 Ziele der UN Nachhaltigkeits-Agenda werden in den kommenden Jahren Maßstab werden, Maßstab werden müssen, weil sonst die urbanisierte Gesellschaft nicht ausreichend versorgt werden kann. Bioökonomie, Zero-Waste-Produktion, geschlossene Produktionskreisläufe oder urbane Landwirtschaft werden entstehen und wachsen. Riesige Investitionen werden die technischen Veränderungen vorantreiben und dann ist zu prüfen, wie diese auf die 17 UN-Ziele einzahlen.

Was ist der Unterschied zwischen Szenarien und Trendprognosen und wann macht was Sinn?

Dr. Alexander Fink:
Szenarien unterscheiden sich von Trendprognosen anhand von zwei Denkweisen. Sie suchen nicht nach „der einen, exakten Zukunft“, sondern stellen gezielt mehrere, alternative Zukunftsmöglichkeiten dar. Man spricht deshalb von zukunftsoffenem Denken. Zudem konzentrieren sie sich nicht auf einzelne Teilfelder, sondern beziehen die Zusammenhänge zwischen so unterschiedlichen Bereichen wie der Branche, den Kunden und den politischen, wirtschaftlichen oder technologischen Umfeldern mit ein. Dies wird auch als vernetztes Denken bezeichnet. Insofern sind Szenarien besonders dort richtig eingesetzt, wo es Unternehmen oder Organisationen mit hoher Ungewissheit und Komplexität zu tun haben. In der Praxis ist dies insbesondere bei mittel- und längerfristigen Fragestellungen der Fall.
Stephan Becker-Sonnenschein:
Machen wir es konkret: Szenarien sind geeignet, den Einfluss von gesellschaftlichen, politischen, ökologischen oder ökonomischen Faktoren auf ein Projekt darzustellen und anschließend zu bewerten. Also um Alternativen aufzuzeigen und abzuschätzen, also ob eine Investition, z. B. in „Clean Meat“, sich rentiert; eine Gesetzgebung, z. B. Düngeverordnung, wirkt; ein Produkt wie z. B. Glyphosat akzeptiert wird; oder ob eine ethische Position, z. B. zu Tierhaltung, hinterfragt wird.
Ein Trend bspw. in Richtung „gesund alt werden“ ist eine längerfristige Entwicklung in eine bestimmte Richtung.

Was unterscheidet die Szenarien der Zukunftstage von denen anderer Studien, wie zum Beispiel der Nestlé-Zukunftsstudie „Wie is(s)t Deutschland 2030“?

Dr. Alexander Fink:
Es gibt mehrere Unterschiede: Zunächst legen die Nestlé-Szenarien den Fokus auf den Konsumenten, während wir mindestens gleichwertig die Lebensmittelwirtschaft betrachten. Daraus ergibt sich auch (1) eine konkretere Nutzbarkeit durch Unternehmen und (2) eine stärkere Fokussierung auf die deutsche Lebensmittelwirtschaft. Letztlich bedeutet dies auch, dass unsere Szenarien den Möglichkeitsraum breiter abdecken und somit nicht primär der Kommunikation dienen, sondern zur konkreten Planung von Strategien und Geschäftsmodellen genutzt werden können.
Stephan Becker-Sonnenschein:
Unternehmen entwickeln Produkte, die auf die unterschiedlichen Wünsche der multioptionalen Gesellschaft eingehen. Die Nestlé-Studie fokussiert die Erwartungshaltungen der Gesellschaft und befragt dabei auch repräsentativ Verbraucher. So kann ein Unternehmen erkennen, mit welchen Produkten es die unterschiedlichen und stetig im Wandel befindlichen Wünsche befriedigen kann. Hier zeigt sich dann in der Produktentwicklung deutlich der Trend zur gesundheitsoptimierenden persönlichen Ernährung. Zugleich soll aber auch die Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien gewährleistet werden.
Die Studie zu den Zukunftstagen dagegen fasst die Meinungen von Experten in der Lebensmittelbranche zusammen. Hier werden Szenarien erarbeitet, die darstellen, welche Folgen bestimmte Trends für die Branche haben können. Außerdem wird eine Wahrscheinlichkeit abgefragt, wie realistisch eine Veränderung von Esskultur sein wird. Auch die Vorgehensweise, dass drei Vertiefungsrunden stattgefunden haben, unterscheidet diese Studie von Verbraucherbefragungen signifikant.

Was sind die größten Herausforderungen, die die Ernährungsbranche zukünftig umtreiben werden?

Dr. Alexander Fink:
Die Ernährungsbranche betrifft jeden Menschen, täglich. Damit ist sie naturgemäß ein hoch komplexes Themenfeld mit vielfältigen Herausforderungen auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Wer „von oben“ darauf sieht stellt zunächst die Frage, wie im Jahr 2050 neun Milliarden Menschen ernährt werden sollen. Dies führt zu Fragen nach Innovation, Technik und Digitalisierung (Was ist möglich? Was ist ethisch vertretbar?) und nach globaler Entwicklung (Wie bekämpfen wir Hunger? Wie entwickeln sich globale Wertketten?). Natürlich ergeben sich auch vielfältige Herausforderungen in unserem Alltag, immer verbunden mit der Frage, wie und was wir zukünftig essen wollen. Für Verbraucher wird eine zentrale Herausforderung darin liegen, die komplexe Ernährungswelt zu decodieren und sich eine möglichst objektive Perspektive anzueignen. Politik und Medien müssen dies unterstützen und gleichzeitig einen Rahmen dafür schaffen, dass Unternehmen die gesellschaftlichen Interessen achten und dabei global erfolgreich arbeiten können.
Stephan Becker-Sonnenschein:
Es gibt einen rasend schnellen Strukturwandel durch neue Technologien. Die Erzeuger sind konfrontiert mit der Aufgabe, aus weniger Fläche pro Kopf mehr Ertrag zu erwirtschaften. Das führt zu Effizienz-Phänomenen wie Zentralisierung, Skalierung und Spezialisierung. Die Produktion stellt sich gleichzeitig auf einen zunehmend fragmentierten und internationalen Nachfragemarkt ein. Jeder Wunsch, paleo, vegan, Clean of, dry aged, free from etc., will bedient sein. Grenzen zwischen medizinischen Stoffen und persönlicher Ernährung werden zunehmend verschwommen sein. Und der Handel sieht sich einer Verödung der ländlichen Strukturen ausgesetzt bei zugleich wachsender Konkurrenz in städtischen Gebieten durch digital getriebene Online-Bestellung in Kombination mit innovativen Lieferservices.

Welche Trends sind für Sie die entscheidenden Trends oder Mega-Trends in der Ernährungsbranche?

Dr. Alexander Fink:
Als Szenariodenker fällt es mir schwer, einzelne, (alles) entscheidende Trends zu formulieren. Stattdessen glaube ich, dass wir uns auf die entscheidenden Unsicherheiten konzentrieren müssen – auf die Fragen, die über die Zukunft der Ernährungsbranche entscheiden. Und solche Kern-Unsicherheiten wurden im KErn-Szenarioprojekt identifiziert. Es sind beispielsweise der Grad der Regulierung, der Umfang und die Geschwindigkeit von Innovationen (insbesondere die Digitalisierung), das Verhältnis von Globalisierung und Regionalisierung, die Werte- und Nachhaltigkeitsorientierung sowie der Umfang der Individualisierung. Und wer sich diese Unsicherheiten näher ansieht erkennt, dass es nicht einfach „eine schwarze und eine weiße Zukunft“ gibt, sondern dass die Chancen gerade darin liegen, die relevanten Grautöne frühzeitig zu erkennen.
Stephan Becker-Sonnenschein:
Der entscheidende Trend hier sind die neuen Kommunikationsstrukturen in einer fragmentierten Gesellschaft. Alles was uns bevorsteht muss vermittelt, erklärt und geregelt werden. Es müssen Gräben zwischen „Glaubensgemeinschaften“ geschlossen, Verständnis für Innovation geschaffen und letztendlich Sinnstiftung für eine Welt von Morgen geleistet werden. Nur so werden wir imstande sein, im Jahr 2050 10 Milliarden Menschen auf der Erde zu ernähren, auch mit Lebensmitteln, die wir uns heute nicht vorstellen können.

Ein Trend hat immer auch etwas Zerstörerisches an sich: Altes geht, Neues entsteht. Und die künftige städtische Wissensgesellschaft wird sich mit Innovationen auseinandersetzen, die helfen sollen die Welt, trotz des Bevölkerungswachstums, im Sinne der Nachhaltigkeitsprinzipien zu erhalten und das Leben für alle Menschen weiter zu verbessern. Diese „Speed Evolution“ wird in kürzester Zeit Dinge schaffen, die selbst die verrücktesten Science-Fiction-Filme wie kalten Kaffee erscheinen lassen.

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